JENS JESSEN JUVENALISCH: Großer Preis der Selbstkritik


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JENS JESSEN JUVENALISCH: Großer Preis der Selbstkritik

Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy, die mit ihrem Vergleich des amerikanischen Präsidenten mit Osama bin Laden jüngst für Aufsehen, Empörung und interessiertes Befremden sorgte, erhält den Großen Preis der Académie Universelle des Cultures in Paris. Dieser Preis, mit fünfhunderttausend Francs dotiert, wird für das Menschenrechtsengagement der Autorin verliehen, die ursprünglich mit dem Kampf gegen Staudämme und Umsiedlungen in ihrer Heimat bekannt wurde, und hat gewiss nichts mit ihrer harschen Amerikakritik zu tun.

Gleichwohl belichten sich beide Vorgänge in bemerkenswerter Weise. Sie zeigen, dass Europa, Frankreich an vorderster Stelle, mit seinem Menschenrechtsidealismus einerseits, seiner Einbindung in das amerikanische Imperium andererseits in schwer lösbare Widersprüche geraten ist. Das eine und das andere, gerade in Amerika seit seiner Gründung glücklich verbunden und durch den Sieg im Zweiten Weltkrieg noch einmal in dieser Verbundenheit nachdrücklich bestätigt, ist wieder auseinander getreten. Man kann schwer Arundhati Roy mit dem Preis einer Akademie ehren, die 1992 auf Veranlassung Mitterands durch Elie Wiesel gegründet wurde, und gleichzeitig ihre Kritik des Westens zurückweisen, die insbesondere der Außenpolitik Amerikas schwere Menschenrechtsverletzungen vorwirft. Dem französischen Bildungsminister Jack Lang, der den Preis übergibt, wird es nicht leicht fallen, das eine vom anderen zu trennen.

Tatsächlich zeigt der Vorgang, auf welch schwankendem Grund die Menschenrechtsrhetorik des Westens steht. Sie lässt sich nicht gleichzeitig mit traditioneller Machtpolitik betreiben. Man kann nicht nach Belieben, wie in Lateinamerika geschehen, Regimes stürzen und Diktatoren einsetzen, und in anderen Weltgegenden Militäreinsätze als humanistische Interventionen deklarieren. Dergleichen wird in der Dritten Welt mit einem gewissen Recht als Heuchelei empfunden und stärkt damit auch jene Diktaturen, die Einmischung befürchten müssen. Arundhati Roy hat mit gewiss ungerechter Schärfe auf solche Widersprüche aufmerksam gemacht. Ihre Auszeichnung durch die französische Weltakademie lässt sich daher auch als höchst angebrachte Selbstkritik und Selbstzerknirschung des Westens verstehen.

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