Washington

Die Kriegsherren im Pentagon stehen vor der Mutter aller Überraschungen. Wochenlang haben sie Afghanistan bombardiert - scheinbar vergebens. Und plötzlich der erste, dann der zweite Sieg. Am Wochenende fällt Masar-i-Scharif ("Gräberfeld der Gerechten"), die strategische Etappe entlang jener Elefantenstraße der Geschichte, wo schon Alexander der Große und Dschingis Khan ihre afghanischen Eroberungszüge aufgezogen hatten. Dann, unglaublich geradezu, der zweite Durchbruch der Nordallianz, die zum Wochenbeginn in die Hauptstadt Kabul eindringt.

"Die Taliban haben sich nicht einmal richtig gewehrt", meldet Aschraf Nadim, ein Sprecher der Nordallianz nach dem Fall von Masar-i-Scharif. "Sie sind einfach weggerannt." Das gleiche Bild in Kabul: Die Soldaten des Theokraten-Regimes sind ausgewichen und weggesickert - nach Süden, in ihre Traditionsbastion Kandahar. Derweil schneiden sich in Kabul die Männer auf offener Straße die Bärte ab - dergestalt die Befreiung von den verhassten "Koranschülern" feiernd, die ihnen die angeblich gottgewollte Haartracht mit Peitschen aufgezwungen hatten. Ist Allah jetzt mit Amerika? Ein Schreckensregime zerbricht - unter dem Bombardement der Amerikaner und dem Artilleriebeschuss der Nordallianz. So sieht es jedenfalls aus - in der fünften Woche der Offensive.

Vergangene Woche wollte das im Pentagon noch niemand glauben. Das gigantische Fünfeck vor den Toren Washingtons - das größte Gebäude der Welt - ist nach der Attacke vom 11. September zur Festung geworden. Vor jenem Tag, den sie in Amerika nine-eleven nennen, konnte man bequem mit dem Taxi am River Entrance vorfahren - oder mit der U-Bahn direkt ins Einkaufszentrum im Untergeschoss vorstoßen und dann auf der Rolltreppe in das Labyrinth der konzentrisch angeordneten Korridore. Heute hat die Armee ihren ersten Verteidigungsring einen halben Kilometer diesseits der Mauern aufgezogen. An den Betonbarrieren werden Autos wie weiland in der DDR mit Unterflurspiegeln kontrolliert, daneben steht ein Hummer, der Jeep-Nachfolger, mit aufgepflanztem Maschinengewehr.

Paul Wolfowitz, bis Jahresanfang noch Dekan der Johns Hopkins School of Advanced International Studies, ist nach Donald Rumsfeld der zweite Mann im Verteidigungsministerium. Er sieht erschöpft aus - wie alle in den höheren Etagen der Regierung Bush. Ironisch kommentiert Peter Rodman, ein Kollege, der schon Kissinger gedient hat, die endlosen Sitzungen, die berüchtigten interagency meetings, in denen Pentagon, Weißes Haus und State Department um Vorrang und Strategie ringen: "Wir nannten diese Kampagne ursprünglich ,Infinite Justice', ,Unendliche Gerechtigkeit' ,Infinite Meetings', ,Endlose Sitzungen' wäre treffender gewesen."

"Wir werden diesen Krieg gewinnen", sagt der Vizeverteidigungsminister Wolfowitz. "As long as it takes" - egal, wie lange es dauert, fügt er hinzu. Und die bröckelnde Koalition, was wird aus der? Sein zweiter Mann, Staatssekretär Douglas Feith, der von seiner Anwaltskanzlei ins Pentagon gewechselt ist, mobilisiert die deutsche Sprache, die er als Collegestudent in Harvard gelernt hat: "Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter."

Feith verweist auf seinen Chef Rumsfeld, der nicht von einer einzigen Koalition, sondern von mehreren Koalitionen gesprochen habe. Weiter in Rumsfelds Sprachregelung: "Wir werden mit der Koalition nicht über die Prinzipien verhandeln. Unsere Mission bestimmt die Koalition, nicht umgekehrt." Der Krieg, lautet die Botschaft aus dem OSD, dem Office of the Secretary of Defense, werde sich nicht am "kleinsten gemeinsamen Nenner" ausrichten, wie es, so der Verdacht im Pentagon, die diplomatiebeflissenen State-Department-Gutmenschen gern hätten.