Der weiße Kittel sitzt perfekt, frisch gebleicht und gestärkt, faltenlos. Der Gerichtsmediziner Richard Helmer verschwindet im Keller seines Privathauses, lässt den Frühstückstisch hinter sich, streift das Bügelbrett am Ende der Treppe, auf dem in gelben Mappen die Gutachten für die Gerichte liegen, und beginnt in dem schmalen, unaufgeräumten Labor mit der Arbeit. Eigentlich würde es Richard Helmer niemand übel nehmen, hätte er den Arztkittel ausnahmsweise mal vergessen. Denn erstens gibt es keine Kollegen, keine Vorgesetzten; es gibt nur diese körperlosen Köpfe in den Regalen, die Helmer jeden Morgen mit immer gleicher Mimik anstarren. Sie grüßen und lächeln nie, wenn Helmer den Raum betritt - und Helmer ist froh, nicht zurücklächeln zu müssen. Zweitens wird hier kein Blut spritzen. Die letzte Obduktion einer Leiche hat der Gerichtsmediziner schon vor sechs, sieben Jahren hinter sich gebracht.

Trotzdem ist er umzingelt von Toten. Erschossen, erstochen, mit Benzin übergossen und angebrannt, in Elbe und Rhein geworfen und den Fluten überlassen. Dann irgendwie ganz zufällig entdeckt, am Flussufer, in Straßengräben, im Kornfeld. Jetzt schauen sie als Wachsmasken stumm in den Raum - oder ihre Geschichte steckt in den grünen Aktenordnern mit den Aufschriften: Rekonstruktion Bad Kreuznach, Ulm, Heidelberg, Dillenburg, Drollshagen, Lübeck, Gießen. Richard Helmer hat die Bekanntschaft dieser Menschen erst gemacht, als nicht viel mehr übrig war von ihnen als ein paar Schädelknochen. Dann hat er begonnen, das Puzzle wieder zusammenzusetzen und ihnen ein zweites Gesicht zu geben.

Richard Helmer ist der führende Gesichtsrekonstrukteur in Deutschland - und er ist der einzige. Seit über 20 Jahren hat sich der 61-Jährige auf Forensische Anthropologie spezialisiert. Während seine Kollegen in den USA mit ihrer Arbeit auf solch großes öffentliches Interesse stoßen, dass Schriftsteller wie Kathy Reichs über die "Knochenarbeit" einen Bestseller nach dem anderen schreiben, fristet Helmer in der deutschen Forschungslandschaft ein Schattendasein. "Es gibt da einen Interessenkonflikt zwischen der Universität und dem Gerichtsmediziner. Da fragen Kollegen der Medizinischen Fakultät und Vertreter der universitären Administration: Was haben unsere Einrichtungen mit der Justiz zu tun - die Arbeit sollen doch die Landeskriminalämter machen. Die können aber nur einen Teil davon machen", sagt Richard Helmer. Rechtsmedizinische Gutachten für die Justiz hätten nicht selten den Umfang einer wissenschaftlichen Publikation. "Dafür braucht man erfolgreiche Forschung, Fachkenntnisse und große Erfahrung", so Helmer. An der Universität in Bonn sieht man ihn nur noch selten zu Vorlesungen. Aus Frustration über das Verhalten eines neuen Leiters des Rechtsmedizinischen Instituts der Universität hat sich Helmer mit seinem Forschungsgebiet selbstständig gemacht und das Institut für angewandte Forensische Medizin und angewandte Forensische Anthropologie in sein Privathaus verlegt. "An der Uni haben sie mich regelrecht trockengelegt", sagt Helmer. Keine Mitarbeiter, kein Geld, keine Anerkennung. Schwer nachzuvollziehen, warum man einen so gefragten Experten einfach laufen lässt. Er war 1985 in Brasilien dabei, um den Beweis zu liefern, dass der Naziarzt Josef Mengele tot ist. Man hatte ein Grab in der Nähe von São Paolo entdeckt, und Helmer identifizierte das Skelett als die sterblichen Überreste Mengeles.

Bei Nase, Mund und Kinn ist der Künstler in ihm gefragt

Jeden Tag rufen Staatsanwälte, Kriminalämter und Gerichte aus ganz Deutschland bei Richard Helmer an. Und immer wieder melden sich interessierte Wissenschaftler aus dem Ausland, die seine Arbeitsmethoden kennen lernen möchten. Rund 30 unbekannten, völlig entstellten und zunächst nicht identifizierbaren Leichen hat Helmer ein Gesicht zurückgegeben und in vielen Fällen dafür gesorgt, dass die Verbrechen aufgeklärt wurden und die Täter hinter Gitter kamen. Deshalb muss Richard Helmer auch damit leben, Feinde zu haben. Deshalb steht er in keinem Telefonbuch, und das Haus, in dem er gleichzeitig wohnt und arbeitet, liegt versteckt in einem dieser idyllischen Vororte, nicht weit weg vom Ufer des Rheins. Hinter dem Eingangstor ein kläffender Hund, vor den Fenstern weiße Eisengitter, zentimeterdick. Helmer sagt: "Die waren schon da, als wir 1990 hierher kamen." Auf die stummen Gesichter im Keller fällt trotzdem so viel Licht, dass ihre Wangen fast ein wenig rötlich schimmern.

Zu jedem Gesicht gibt es zwei Geschichten. Die Geschichte ihres Todes und die Geschichte der Rekonstruktion. Der Mann mit der breiten Nase und dem markanten Schädel zum Beispiel war "die Wasserleiche aus dem Rhein", erzählt Richard Helmer. "Einen solchen Schädel hatte ich zuvor noch nie gesehen." Also studierte der Professor die Fachliteratur und stieß auf besondere Knochenmerkmale der Aborigines. Ob der Mann wirklich zu dieser Abstammung gehörte, bleibt nur eine Vermutung. Ob er Ähnlichkeit mit dem Kopf im Regal hatte, kann auch Helmer nicht genau sagen. Der Wissenschaftler war seiner eigenen Methode gegenüber lange sehr skeptisch: "Ich habe mich oft gefragt, ob man dem Individuum so überhaupt näher kommen kann." Um die eigenen Zweifel auszuschalten, ließ Helmer eine Gruppe von Doktoranden Gesichter modellieren, deren Fälle bereits aufgeklärt waren und von denen Fotos existierten, die er dann zum Vergleich heranziehen konnte. "Es haben sich bei allen Arbeiten erstaunliche Ähnlichkeiten ergeben", sagt Helmer. Möglich werden diese Übereinstimmungen nur, weil Forensische Anthropologen unter anderem mit allgemein bekannten und standardisierten Messwerten im Gesicht arbeiten. Anhand von 34 Messpunkten wird die mögliche Stärke der Weichteilschicht des Gesichtes ermittelt. Die dafür notwendigen Tabellen und Regelwerke über die Dicke der Haut und der Muskeln hat Helmer selbst zusammengetragen - durch zahlreiche Ultraschallmessungen an lebenden Personen.