Etwa um Ostern nächstes Jahr werden die meisten der deutschen Ängste wegen der Umstellung von D-Mark auf Euro verflogen sein. Mehrfach hat man bis dahin Lohn, Gehalt oder Rente in Euro überwiesen bekommen. Die Miete wird längst in Euro abgebucht, viele Male hat man bereits im Supermarkt oder in der Kneipe bar mit Euro bezahlt. Wir werden Mühe haben, uns an die gruseligen Prognosen der Anti-Euro-Populisten zu erinnern, an das Geschwätz von der bevorstehenden Inflation, an die Herabsetzung des Euro als "Esperanto-Währung", an all die Angstmacher - von Bild-Zeitung und Spiegel über ehemalige Bundesbankchefs bis zu Peter Gauweiler und den vier Professoren, die (immer mal wieder!) das Bundesverfassungsgericht bemühen wollten, um den Euro für eine Verletzung des Grundgesetzes erklären zu lassen.

Viele Deutsche haben sich wieder einmal ohne ausreichenden Grund Angst machen lassen. Tatsächlich wird sich in unserem Alltag nichts spürbar verändern.

Und doch ist die Währungsunion von zwölf Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ein gewaltiger strategischer Schritt. Es wird Jahre dauern, bis wir die Bedeutung dieses geschichtlich einmaligen Aktes ganz verstehen. Die Währungsunion bringt allen Beteiligten erhebliche ökonomische Vorteile. Sie vollendet den bisher nur so genannten Gemeinsamen Markt, indem sie - wie für jeden Markt eigentlich selbstverständlich - nur noch eine einzige Währung innerhalb des Marktes gelten lässt. Zugleich wird die europäische Integration auf eine höhere Stufe gehoben. Die Europäische Union befähigt sich zur Selbstbehauptung auf den globalisierten Finanzmärkten.

Auch wenn die USA für die absehbare Zukunft militärisch und technologisch ein großes Übergewicht gegenüber den anderen Staaten der Welt haben werden, so wird doch die EU ein etwa gleich großes ökonomisches Gewicht haben. Die politische Führung der EU wird dieses Gewicht weltpolitisch einsetzen können - wenn die EU sich zu einer gemeinsamen Außenpolitik befähigen sollte. Die 15 Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten haben in den vergangenen Jahren zwar viel über eine "gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik" geredet, aber die gegenwärtige globale Terrorismuskrise lässt jedermann erkennen: Tatsächlich gibt es dafür nur sehr bescheidene Ansätze. Doch selbst diese Ansätze wären noch vor einigen Jahrzehnten undenkbar gewesen. Wer die Zukunft des Euro realistisch beurteilen will, der muss sich die bisherige Geschichte der Europäischen Union vergegenwärtigen, um die wahrscheinliche weitere Entwicklung extrapolieren zu können.

Der Gedanke einer gemeinsamen Währung wurde in den fünfziger Jahren erstmalig von Jean Monnet vorgetragen. Die Montanunion zwischen Frankreich, Italien, Deutschland und den drei Beneluxstaaten gab es seit 1952; Monnet war der erste Präsident von deren "Hoher Behörde" gewesen und hatte danach sein internationales Aktionskomitee für die Vereinigten Staaten Europas gegründet. Als Mitglied dieses Komitees habe ich von Monnet das große Ziel der Zusammenführung der europäischen Nationen und Nationalstaaten gelernt. Für mich lag dieses Ziel im strategischen Interesse Deutschlands. Ich stimmte in diesem Ziel mit Adenauer, nicht aber mit Schumacher und nicht mit Erhard überein. Von Monnet habe ich gelernt, dass man diesem Ziel kaum durch die Verkündung großer Visionen und durch rhetorische Glanzleistungen näher kommt, sondern dass man vielmehr einen Schritt nach dem anderen tun muss. Und dass jeder Schritt praktisch begründet und als vorteilhaft erkennbar sein muss. Und dass man Geduld braucht.

Ohne Frankreich geht nichts

In Giscard d'Estaings Buch Le Pouvoir et la Vie (erschienen vor 13 Jahren) ist zu lesen, dass Jean Monnet im März 1977 zu ihm sagte: "Sie haben das Wesentliche begriffen. Sie haben begriffen, dass Frankreich in Zukunft zu klein sein wird, um seine Probleme allein lösen zu können." Ich glaube, dass Monnet mit dieser Bemerkung zu Giscard Recht hatte. Noch mehr hätte seine Bemerkung auf Deutschland zugetroffen. Schon damals war das Land zu klein, und ebenso ist heute das vereinigte Deutschland zu klein, "um seine Probleme allein lösen zu können".