Der Endspurt war, wie alle Jahre, ein hartes Stück Arbeit. In den vergangenen drei Wochen tagten die fünf Wirtschaftsprofessoren, die den Sachverständigenrat zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung bilden, von morgens acht bis abends acht, werktags wie sonntags, im Hause des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden. Ihr Auftrag: die Endfassung des traditionellen Jahresgutachtens. Das erwies sich diesmal als besonders schwierige Geburt: Die Zeiten sind unsicher, die Datenlage ist schlecht, und häufiger als in den vergangenen Jahren üblich bestand ein Mitglied des Gremiums auf einer "abweichenden Meinung", wie Sondervoten im Ratsjargon heißen. Der Rat hielt es sogar für angemessen, zwei Szenarien statt einer Konjunkturprognose durchzurechnen.

Die Unterschiede halten sich allerdings in Grenzen. Fällt doch das als wahrscheinlich eingestufte, günstigere Basisszenario kaum optimistischer aus als die Krisenvariante. Eine äußerst magere Wachstumsrate von 0,6 Prozent im zu Ende gehenden Jahr und ein kaum besseres Plus von 0,7 Prozent für 2002 - das ist die günstigere Variante des Rates. Sollte die Wirtschaft in den USA nicht spätestens im nächsten Sommer wieder auf Touren kommen, dann halten die fünf Wirtschaftsweisen sogar nur noch 0,5 Prozent für denkbar. Man mag es kaum glauben: Vor einem Jahr stellten sie ihr Gutachten unter den Titel Chancen auf einen höheren Wachstumspfad. Und selbst vor kurzem waren die Forschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten noch entschieden optimistischer: Sie prognostizierten für 2002 immerhin einen Zuwachs von 1,3 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Anfang der Woche hat sich auch Euroframe in die Debatte eingeklinkt. Hinter dieser Organisation stehen acht europäische Forschungsinstitute, die sich zusammengetan haben, um den Fortgang der Konjunktur in Europa zu ergründen. Die traurige Erkenntnis: Auch die geballte Kompetenz der Fachleute von Euroframe bringt ein wenig erfreuliches Bild von der Zukunft der deutschen Wirtschaft. Sie liegen mit ihrer Prognose nahe am Herbstgutachten der sechs deutschen Institute: ein Wachstum von 0,7 Prozent im zu Ende gehenden Jahr und möglicherweise ein bescheidenes Plus von 1,3 Prozent für 2002.

Völlig einig ist der Sachverständigenrat mit den Kollegen von Euroframe in einem anderen Punkt: Die deutsche Wirtschaft sieht im europäischen Vergleich besonders schlecht aus. Unter den zwölf Euro-Ländern ist sie 2001 Schlusslicht - und wird es höchstwahrscheinlich auch im Jahr 2002 bleiben. Bergab geht es seit Monaten in ganz Europa, aber anderswo sind die Wachstumsraten noch ganz beachtlich. Frankreich zum Beispiel, lange Jahre von der deutschen Konkurrenz nicht sonderlich ernst genommen, weist nun schon seit 1995 höhere Wachstumsraten auf als der deutsche Nachbar. Glaubt man Euroframe, dann wird sich daran so schnell nichts ändern. Selbst Italien steht besser da, ganz zu schweigen von Irland. Auch auf der Grünen Insel brach die Wachstumsrate - im letzten Jahr: elf Prozent - spektakulär ein. Aber die Iren könnten in diesem Jahr zumindest noch sieben Prozent schaffen - ein Niveau, von dem Deutschland nicht zu träumen wagt.

Nicht zu überhören ist denn auch der feine Spott, mit dem beispielsweise die französische Zeitung Le Monde die Degradierung vom Musterknaben zum Klassenletzten beschreibt: "Deutschland wollte in der Euro-Klasse eiserne Disziplin durchsetzen. Drei Jahre nach der virtuellen Geburt der Einheitswährung, sechs Wochen bevor der Euro in die Geldbeutel gelangt, ist die Bundesrepublik von ihrem Podest gestürzt." Und während vor ein paar Jahren Waigel, Tietmeyer & Co den Partnern ihre Vorstellung von seriösen Finanzen aufzwangen, drohen jetzt der Bundesregierung Sanktionen wegen Verletzung des europäischen Stabilitätspakts.

Warum das so ist, dafür nennt Gustav Horn, als Konjunkturexperte des DIW sowohl am Herbstgutachten der Institute als auch an Euroframe maßgeblich beteiligt, drei Gründe: die dramatische Krise in der (ost)deutschen Baubranche, die das Gesamtergebnis drückt; die restriktivere Fiskal- und Lohnpolitik, unter der vor allem der Konsum leidet; die Offenheit der deutschen Volkswirtschaft, auf die internationale Krisen besonders heftig durchschlagen. Gerade der letzte Punkt scheint verhängnisvolle Wirkung gehabt zu haben. Deutschland exportiert mehr als die Hälfte seiner Industrieproduktion und ein Drittel seines Bruttoinlandsprodukts. Die mühsam erkämpften Erfolge deutscher Unternehmen auf dem amerikanischen Markt wurden allerdings zur Belastung, als die Wirtschaft der Vereinigten Staaten zum Abschwung ansetzte.

Gerade ausländische Beobachter nennen einen weiteren Grund für den deutschen Schwächeanfall: die Wiedervereinigung. Der Pariser Professor René Lasserre: "Seit Mitte der neunziger Jahre lasten die Folgen der Vereinigung auf Deutschland. Die Kosten, im Wesentlichen eine Folge der Solidarität mit dem ehemaligen Ostdeutschland, sind sehr hoch."