Draußen bläst der kalte Herbstwind, und Lioba Jeuken setzt sich im T-Shirt an den Frühstückstisch. Die Lufttemperatur in ihrem großen Wohnzimmer liegt deutlich unter 20 Grad, doch am Tisch ist es wohlig warm. Und das, obwohl weit und breit kein Heizkörper zu sehen ist. Der Grund für die angenehme Wärme beim Frühstück ist in der Wand hinter dem Esstisch versteckt.

Unter unscheinbarem weißem Gipsputz strömt warmes Wasser durch ein Netz dünner Kupferrohre und macht aus der Wand einen Kachelofen. "Innerhalb von 30 Minuten ist die Wand warm", sagt Lioba Jeuken, "selbst im tiefsten Winter fühlt man sich in ihrer Nähe im T-Shirt wohl."

Anders als der klassische Heizkörper unter dem Fenster wärmt die Wandheizung nicht durch erhitzte zirkulierende Luft, sondern durch Infrarotstrahlung. Und da die warme Wand noch weit größer ist als die Oberfläche eines Kachelofens, reicht schon eine Vorlauftemperatur von 30 Grad, um mit dem Wasser in den versteckten Heizschlangen für angenehme Strahlungswärme im Umkreis von zwei bis drei Metern zu sorgen. Deshalb wird es mit einer Wandheizung deutlich schneller warm als mit anderen Methoden. Außerdem entstehen beim Heizen keine Luftwirbel. Stauballergiker können also aufatmen, und Fröstelnaturen klagen seltener über kalte Zugluft, die sie sonst selbst in überheizten Räumen ärgert. Und sollte es bei uns tatsächlich irgendwann einmal zu heiß werden, lässt sich die Wandheizung in eine simple Klimaanlage verwandeln. Statt warmem wird dann kaltes Wasser durch die Heizschlangen geschickt, so entzieht die kühle Wand dem Raum die Hitze.

Weil Wandheizungen auch im Winter mit einer niedrigen Wassertemperatur auskommen, eignen sie sich besonders gut für ein Zusammenspiel mit Solaranlagen, Wärmepumpen oder Brennstoffzellen, die ebenfalls dann am wirksamsten sind, wenn sie das Heizwasser nur auf 30 bis 40, nicht aber auf 60 oder gar 80 Grad erwärmen müssen. Wandheizungen lassen sich auch bei einer Altbausanierung einbauen, ohne dass dafür die vorhandene Heizungsanlage ausgetauscht werden muss.

"Kaum ein anderes Heizsystem hat so viele Vorteile bei jedem Gebäudetyp", heißt es in der Reklame eines schwäbischen Wandheizungsinstallateurs, der auch noch darauf hinweist, dass Wandheizungen nicht schmutzig werden. Seine Argumente klingen sehr überzeugend, doch während Fußbodenheizungen seit Jahren zum Standardangebot von Heizungsbauunternehmen gehören, winken die meisten ab, wenn Kunden nach einer Wandheizung fragen.

"Als wir unsere Wandheizung vor drei Jahren eingebaut haben, da war das völlig exotisch", erinnert sich Lioba Jeuken, "ein Verwandter hat uns jedes Kupferrohr einzeln gelegt." Inzwischen sind vorgefertigte Heizelemente auf dem Markt, die unter Putz oder sogar wie große Bilderrahmen auf einer Wand angebracht werden können. Trotzdem sind Wandheizungen deutlich teurer als Heizkörper. Für ein 20 Quadratmeter großes Zimmer müssen rund zehn Quadratmeter Wandheizung installiert werden, was inklusive Neuverputzung deutlich über 1000 Mark kostet. Geringer ist der Preisunterschied, wenn die Heizschlangen schon vor dem Verputzen angebracht werden können. Doch trotzdem spielen Wandheizungen bisher auch bei Neubauten kaum eine Rolle. Und das liegt nicht nur an der Trägheit des Handwerks.

"Das größte Problem bei einer Wandheizung ist, dass man eigentlich nie mehr umräumen kann", sagt Lioba Jeuken. Stellt man nämlich einen Schrank vor die beheizte Wand, ist die Strahlungswärme futsch. Auch ein offenes Regal sollte lieber nicht im Weg stehen. Und selbst beim Aufhängen von Bildern ist äußerste Vorsicht angezeigt: Wenn dabei eines der kleinen, von außen unsichtbaren Rohre verletzt wird, muss die gesamte Wand aufgestemmt werden.