Heinlein: Die grünen Minister, sie scheinen genervt vom steten Nörgeln der Basis. "Hört auf zu heulen", so die Botschaft von Umweltminister Trittin an die Parteifreunde. Fast schon flehend dagegen der Appell von Außenminister Joschka Fischer, man solle ihn nicht hängen lassen. Umgekehrt scheinen manche Grüne auf den hinteren Bänken zunehmend unzufrieden mit dem Verhalten ihrer Kabinettsmitglieder. Fern von der Basis und entrückt hinter dem Horizont, so die Kritik im Vorfeld des morgen beginnenden Parteitages in Rostock. Dort steht die Zukunft von rot/grün auf der Kippe. Sollte eine Mehrheit der Delegierten gegen einen Bundeswehreinsatz in Afghanistan stimmen, so würde dies auch das Ende der Berliner Regierungskoalition bedeuten. Seit gestern liegt der Antrag des Parteivorstandes auf dem Tisch, darin die Empfehlung, die Bereitstellung von Bundeswehrsoldaten im Afghanistan-Konflikt zu akzeptieren, zugleich für die Fortsetzung von rot/grün zu votieren. Ein Junktim, das von vielen Parteilinken abgelehnt wird. Die Grünen stehen damit wieder einmal vor einer Zerreißprobe. Dazu begrüße ich jetzt den Grünen-Parteichef Fritz Kuhn. Guten Morgen!

Kuhn: Guten Morgen.

Heinlein: Herr Kuhn, was ist der Unterschied zwischen akzeptieren und unterstützen?

Kuhn: Wir haben in unserem Antrag eine Formulierung gewählt, die versucht, sehr viele Leute für diesen Antrag mitzunehmen, denn die Delegierten werden ja auch bewegen, wie die Abgeordneten in der Gesamtsituation letzte Woche gehandelt haben. Ich glaube der Antrag entfaltet im Text sehr genau, warum wir "akzeptieren" schreiben. Es war ja eine Gesamtentscheidung zu treffen: durch die Verbindung der inhaltlichen Frage, wie steht man zu der Bereitstellung, deutsche Soldaten für einen Einsatz gegen die Terroristen auf der einen Seite. Mit der Vertrauensfrage für die Koalition war ja auch für diejenigen, die den Einsatz kritisch sehen - solche gibt es bei uns, solche gibt es bei der SPD -, keine einfache Situation entstanden.

Heinlein: Aber das ist kein klares Votum für die Truppe, so wie es Fischer und Schröder fordert?

Kuhn: Doch, das ist ein klares Votum, denn die Partei sagt in der Summe, es war richtig, wir akzeptieren, was die Fraktion entschieden hat und wie die Minister sich entschieden haben. In dem Antrag, wenn Sie ihn durchlesen, steht ja auch klar, dass wir für den Kampf gegen den Terrorismus sind, auch mit militärischen Mitteln, übrigens aus dem einfachen Grund, weil die Bedrohung, die weiter existiert, angegangen werden muss, weil jede Politik die eigene Bevölkerung vor solchen heimtückischen Anschlägen schützen muss. Deswegen sind wir für ein breites Konzept, für ein breites Vorgehen gegen die Terroristen, das auch eine militärische Komponente haben kann. Ich glaube eigentlich die Ereignisse in Afghanistan zeigen, dass es auch gelungen ist, ein doch sehr terroristisches Regime wie das Taliban-Regime jetzt entscheidend zurückzudrängen.

Heinlein: Aber dennoch haben Sie sehr bewusst diese Formulierung gewählt und die Aussage "unterstützen" oder "befürworten" vermieden. Warum denn?