Ist's schon Tragik oder noch Komödie? Der Rest der Welt führt einen notwendigen Krieg gegen den Terror - und die Deutschen stürzen sich in eine unnötige Parlamentskrise, in der es um hundert Soldaten geht, die vielleicht - vielleicht - an die Front gelangen könnten. (Der Rest der 3900 sind Sanitäter und Mariner, die weitab vom Schuss agieren würden.) Ein Kanzler, der diesen Krieg als richtig und rechtens erkennt, muss die Vertrauensfrage stellen - freilich nicht, um sich der Opposition, sondern seiner Koalitionäre zu erwehren. Und Deutschlands Dichter und Denker reagieren nicht mit Räsonnement, wie es sich für sie geziemte, sondern mit Ressentiment - dies allerdings im hübschen Schulterschluss von links und rechts - von einem Grass, der Auschwitz als ewige Verpflichtung versteht, und einem Walser, der davon nichts mehr hören will.

Der Tenor des Chors ist ein alter; er ist so faktenresistent wie ein bockiges Kind. Gewalt, so heißt es vielstimmig, löse keine politischen Probleme. Wirklich nicht? Das politische Problem Nazidiktatur hat nur die dezidierte Gewalt lösen können. Kaum ein nationaler Befreiungskampf ohne Gewalt - vom antinapoleonischen der Deutschen bis zu dem der Algerier. Pol Pot wurde von der vietnamesischen Armee beseitigt. In jüngster Zeit haben nicht EU- und UN-Diplomaten den serbischen Imperialismus gezügelt, sondern die Bomben der Nato. Desgleichen in Afghanistan, wo das verhasste Taliban-Regime, die Schutzmacht der Bin-Ladisten, unter den Schlägen der Allianz zerfällt.

Umkehr der Bündnisse

Von John Maynard Keynes, dem großen Ökonomen, ist der Satz überliefert: "Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung. Was tun Sie, Sir?" Die Fakten haben sich rasanter verändert als die Reflexe der denkenden und schwatzenden Klasse. Die Taliban-Diktatur, der herkulische Widerstandskraft zugeschrieben wurde, ist praktisch kollabiert. Die Nordallianz, der ebenso große Inkompetenz attestiert wurde, ist auf dem Vormarsch. Und die Koalition, der die Kritiker ein ebenso schnelles wie schmähliches Ende vorausgesagt haben? Die Amerikaner können sich vor Hilfeangeboten kaum mehr retten.

Ach ja, die Amerikaner. Sie haben sich leider geweigert, die wohlfeilen Klischees zu bedienen. Der "Sheriff" hat nicht gleich losgeschossen, sondern erst einmal geduldig eine weltweite Koalition zusammengeschirrt. Er hat ob der Gewalt nicht das Wesentliche vergessen: die Politik und die Nachkriegsordnung. Er hat weder die UN (deren Sicherheitsrat ihm einstimmig das Verteidigungsrecht bestätigt hat) noch die Anrainer und Alliierten mit imperialer Gebärde beiseite geschoben - siehe zum Beispiel die Sechs-plus-Zwei-Gespräche über die Zukunft Afghanistans.

Das mögen nur kurzlebige Konjunkturberichte sein. Doch kündigt sich dahinter Größeres und Dauerhafteres an: ein neues Grundmuster der Weltpolitik, das so überraschend ist wie der Zerfall der Gotteskrieger-Diktatur in Afghanistan. Fast über Nacht sind die alten Feinde Amerika und Russland, die sich auch nach dem Mauerfall misstrauisch belauert haben, zu strategischen Partnern geworden. Die Diplomatiegeschichte kennt derlei als renversement des alliances, als epochale Umkehr der Bündnisse. Ganz knapp: Im Afghanistankrieg entpuppte sich Moskau, auch ohne einen einzigen Schuss abzufeuern, als wichtigster Bundesgenosse Washingtons.

Wichtiger noch als Uralt-Waffenbruder England? In Wahrheit, ja. Ohne russische Zustimmung keine Basen in Usbekistan und Tadschikistan, die den Amerikanern als Sprungbrett dienten. Still und effizient haben die Russen die Nordallianz mit Gerät und Munition versorgt. Und die amerikanischen Geheimdienste mit kostbaren Informationen. Putin hatte sich sofort an die Seite von Bush gestellt und so der Koalition ein Zusatzquantum an Legitimität verschafft.