Es gehört zu den schnell dahingesagten Glaubensbekenntnissen, dass nach den Terroranschlägen vom 11. September nichts mehr so ist, wie es einmal war. Die Wahrheit ist das nicht. Wie sagte doch kürzlich Generalsekretär Kofi Annan bei der Eröffnung der UN-Vollversammlung: "Erinnern wir uns! Kein einziges der Probleme, mit denen wir uns am 10. September konfrontiert sahen, ist weniger drängend geworden."

Tatsächlich grassieren im Süden der Erde wie gehabt Aids, Malaria, Tuberkulose und andere vermeidbare Krankheiten. Tatsächlich schreitet die globale Umweltzerstörung voran, wachsen die Wüsten, schwindet die Artenvielfalt, heizt der ungezügelte Hunger nach Energie die Erdatmosphäre auf. Und tatsächlich muss noch immer fast jeder zweite Mensch mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen - weniger, als am anderen Ende des globalen Dorfes ein Päckchen Zigaretten kostet. Alles wie gehabt. Das heißt nicht ganz: Nach Meinung fast aller Experten trifft die durch den Terror verschärfte weltweite Wirtschaftskrise den Süden am härtesten.

Was sich seit dem 11. September jedoch geändert hat, ist das Bewusstsein dafür, dass Unrecht und Ungerechtigkeit, Armut und Hunger die Sicherheit der viel beschworenen "Einen Welt" bedrohen. Früher war diese Einsicht mitleidig belächelten Gutmenschen vorbehalten. Jetzt mischen sich plötzlich die Mächtigen unter die Weltverbesserer. Zuletzt, am vergangenen Wochenende, war ihr Forum die Tagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank in Ottawa. "Die Vorstellung von zwei Welten, einer reichen und einer armen, ist zusammengebrochen, als die Türme des World Trade Center einstürzten", erklärte dort Weltbank-Präsident James Wolfensohn.

Was den Bekenntnissen noch folgen muss, sind Taten: Ein globaler Pakt zur Bekämpfung der Armut, der das schnell geschmiedete militärische Bündnis gegen den internationalen Terror ergänzt. Wie ernst es insbesondere dem Norden damit ist, wird sich bald zeigen. Schon vor dem 11. September standen zwei "Weltkonferenzen" auf der Agenda, die es nun erst recht zu nutzen gilt. Nicht für noch mehr schöne Worte, sondern für konkrete Aktionspläne.

Zunächst, im März kommenden Jahres, trifft sich die UN-Gemeinde im mexikanischen Monterrey. Auf der Tagesordnung der "Financing for Development" titulierten Versammlung steht die Architektur der Entwicklungsfinanzierung, von der sich der Norden in der vergangenen Dekade klammheimlich verabschiedet hat. Ein halbes Jahr später folgt im südafrikanischen Johannesburg der "Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung" - zum zehnten Jahrestag des Erdgipfels von Rio de Janeiro. Scheitert Monterrey, wird auch Johannesburg in einem Fiasko enden - nach bisheriger Planung soll die Konferenz übrigens am 11. September 2002 enden, exakt ein Jahr nach den Anschlägen in New York und Washington.

Eigentlich hätte schon das Rio-Konklave den Auftakt für die ökologische Abrüstung und für den Kampf gegen die zunehmende Ungleichheit markieren sollen. Doch von der Friedensdividende, auf die 1992, kurz nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, viele hofften, kam bei den Zukurzgekommenen nichts an. Im Gegenteil: Entgegen ihrem artig wiederholten Versprechen sank die Bereitschaft der Reichen, wenigstens ein bisschen von ihrem wachsenden Wohlstand abzugeben; ihre offizielle Entwicklungshilfe, über deren Wirksamkeit sich trefflich streiten lässt, sank von 0,3 auf 0,22 Prozent des Sozialprodukts. Derweil brachte auch die Globalisierung vielen Entwicklungsländern nicht das, was ihnen in Aussicht gestellt wurde: einen realen Ressourcentransfer durch Handel.

Nicht von ungefähr. Denn während die Reichen den Freihandel predigen, schützen sie ihre Märkte und ihre Produzenten mit dem gesamten Arsenal der Handelspolitik vor der Konkurrenz der Armen. Im Durchschnitt, heißt es in den jüngsten Global Economic Prospects der Weltbank, erheben die wohlhabenden Länder auf Produkte aus Entwicklungsländern viermal höhere Zölle als gegenüber anderen Industriestaaten. Die Satten erheben Mengenbeschränkungen auf ihre Einfuhren und erhöhen die Zollsätze mit dem Grad der Verarbeitung des jeweiligen Produkts - und hindern so die Ärmeren daran, die Chancen des internationalen Handels wirklich zu nutzen. Das ist nicht nur verlogen; es zementiert auch die Rolle der Entwicklungsländer als Empfänger von Almosen, die immer bescheidener ausfallen.