Nacht war's, und kalt war's und November 1976 in der DDR-Provinz. Wir hatten keinen Fernseher. Aber Tante Freywald, eine bibeltreue Seniorin, die oben im Pfarrhaus wohnte, zeigte sich erbötig, Wolf Biermanns Ausbürgerungskonzert einzuschalten. Biermann - wer kannte den im Mansfelder Land? Die Sangerhäuser Langhaarszene raunte von einem irre frechen Ostberliner Super-Hippie, den der Staat nicht einzubuchten wage. Der NDR-5-Uhr-Club hatte mal ein paar Songs über die Grenze und aufs Band gefunkt: Ermutigung, das grandios unverschämte In China hinter der Mauer, die Bumsballade Von mir und meiner Dicken in den Fichten. Neil Young war anders.

Dann sang der Geschasste sein Kölner Konzert. Man lauschte wie nie. Man hörte nicht Musik. Man empfing Weisung: Du musst dein Leben ändern! Nicht länger war die DDR ein Spiel. Hoffnung sei sie, besseres Deutschland, zugleich ein Knast der sozialistischen Ideale. Einst werde das anders, da setze das bleierne Ländchen Segel und brause aufs Meer hinaus, gen Morgen, wie in Biermanns Traum die alte Ostseestadt Lassahn. So oder so - die Erde wird rot.

Wollte man das? Tante Freywald schien von Auroras Wolfsgeheul nicht angetan. Überhaupt war die edelsozialistische Utopie keine ostdeutsche Mehrheitshoffnung, eher ein Trotzasyl mit Biermann als Tapferkeitsikone. Wie hältst du's mit Biermann?, das wurde zur Bekenntnisfrage. Die Unterzeichner der Hermlinschen Protestresolution rückten wir in den Adelsstand. Die Claqueure der Ausbürgerung hatten ultimativ verschissen.

Und dann griff der SED-Staat zu, verhaftete, entließ, kujonierte die durch keinen Ruhm Geschützten. Und dann begann die große Flut nach Westen. Und dann strandete die ganze DDR. Und dann meißelte die Geschichte Wolf Biermann in Granit, als den Beginner des Endes der DDR. Biermann in seiner an Selbstverleugnung grenzenden Bescheidenheit nennt sich lieber Drachentöter.

Eins, zwei, drei, im Sauseschritt eilt die Zeit, wir eilen mit. Schon ist Wolf Biermann 65, der Rausschmiss ein Vierteljahrhundert her. Zum Jubiläum stieg am 16. November ein Biermann-Begängnis, in Meister Brechts Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm. Wie es war? Na, kolossal gemütlich. Die halbe Widerstandsfamilie kam, von Roland Jahn bis Siegmar Faust, Katja Havemann, Ehrhart Neubert, Harald Hauswald, Martin Gutzeit, Jochen Goertz, Erich Loest, die allzeit reizende Eva-Maria Hagen ... Schon nachmittags talkte ein Konsensforum: Biermann mit Sättigungsbeilagen (Günter Schabowski, Günter Kunert, Peter Jochen Winters von der FAZ), wobei man endlich erfuhr, was man schon hundertmal hörte. Weisheit ist ja die Mutter der Wiederholung.

Immerhin offenbarte Schabowski die Psyche seiner Exgenossen und des Menschen, der er war. Warum man den Fehler Ausbürgerung nicht korrigiert habe? Kommunisten, sagte Schabowski, sind Fanatiker mit ausgeprägtem Sendungsbewusstsein. Biermann war ein Ketzer. Ketzer beirren Fanatiker nicht, sondern bestärken sie, noch unbeirrter vorzugehen - bis zur Selbstzerstörung. Also weg mit Biermann! Grotesk war, dass wir ihn zwar ausgebürgert hatten, aber losgeworden sind wir ihn nicht, ganz im Gegenteil. Kannten Sie 1976 Wolf Biermann, fragte der Moderator Bärbel Bohley, das Kind der Runde. Nur vom Sehen. Wir wohnten um die Ecke. Und da haben Sie nie mit ihm gesprochen? Ich sprach damals noch keine Männer an.

So kam der Abend des großen Konzerts. Es war schon auf dem Halm verkauft. Noch vor Weihnachten gibt es bei 2001 die Live-Doppel-CD: je eine Platte Ost- und West-Gesänge. Das Theater barst, der Deutschlandfunk übertrug, als Rainer Eppelmann die heilige Ost-Trinität begrüßte: Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident, liebe Angela Merkel, lieber Manfred Krug! Reden, Laudationen, dann ging's endlich los.