Britta Steilmann, 35, studierte Design in New York, stieg in die Bekleidungsgruppe ihres Vaters Klaus Steilmann in Wattenscheid ein und wurde bekannt durch ihre Ökokollektion. Die preisgekrönte Unternehmerin (unter anderem Bundesverdienstkreuz 1995) verließ vor drei Jahren die Steilmann-Gruppe wegen unterschiedlicher Auffassungen über die strategische Ausrichtung. Sie machte sich als Unternehmensberaterin selbstständig, kehrte im August dieses Jahres als Vorsitzende der Geschäftsführung zurück.

Etwa seit der neunten Klasse unterforderte mich die Schule, das Hellweg-Gymnasium in Bochum. Der Unterricht war zu eindimensional, ich vermisste vernetztes Denken. Permanentes Wiederholen, bis der Letzte in der Klasse kapiert hatte, reduzierten das Lernniveau auf ein Mittelmaß, und das machte den Unterricht langweilig. Ich befand, dass es in manchen Fächern reichen würde, nur jedes zweite Mal hinzugehen, und blieb dem Unterricht fern. Zu den wenigen Fächern, die ich mochte, zählte Latein, weil wir nicht nur Grammatik und Vokabeln paukten, sondern auch viel über römische Geschichte und Kultur erfuhren. Englisch war mir ebenso wichtig; da mir der Unterricht unserer Lehrerin nicht intensiv genug war, ließ ich mich in eine andere Klasse versetzen. Das musste ich damals vor der Lehrerkonferenz begründen.

Weil ich Mut hatte, Position zu beziehen, war ich Anlaufstelle, wenn es um schwierige Situationen ging - ob bei Treffen mit Vertrauenslehrern oder persönlichen Problemen. In der achten Klasse kam Psychologie auf den Stundenplan, ein Fach, das mich rasch weit über die Schule hinaus begeisterte. Ich las Freud, Jung und viele andere wissenschaftliche Abhandlungen, um mich selbst besser zu verstehen. Doch erst später wurde mir klar, woran meine Unausgeglichenheit wirklich lag: Ich wollte nicht in irgendwelche Schubladen gesteckt, sondern so gesehen werden, wie ich wirklich bin. Im links denkenden Nordrhein-Westfalen der siebziger und achtziger Jahre übersahen manche gern, dass Unternehmertum über den rein kapitalistischen Ansatz hinausgeht und ein hohes Maß an Verantwortung bedeutet. Das Klischee des "Bonzenkindes" war bequemer. Bei diesem unreflektierten Verhalten ging mir das Visier runter, ich reagierte ungehalten - nicht um zu verletzen, sondern um mich zu schützen.

In den ersten Berufsjahren war ich oftmals zu direkt und wenig diplomatisch. So trat ich bei einer Tagung vor im Anzug gekleideten Unternehmern in Jeans, Boots und Lederjacke ans Pult. Ich trug Sportswear, Kleidung meiner Kollektion It's one world - egal zu welchem Anlass. Heute ist mir klar, dass diese Haltung und mangelnde Rücksichtnahme unnötig Widerstand erzeugt haben. Ich lebe widerstandsfreier, wenn ich bestimmte Kleiderordnungen akzeptiere, und benötige weniger Kraft, um mein Gegenüber für die Sache zu gewinnen.

Nach dem Abitur wollte ich Psychologie studieren, ließ mich aber von den Eltern überzeugen, in das Unternehmen einzusteigen. Ich zog nach New York, genoss die Anonymität der Großstadt und die Erfahrung, mich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden, losgelöst vom Gewohnten und der Familie. Ich studierte am Fashion Institute for Marketing and Technology und traf auf Professoren, die lebendig und didaktisch aufbereitet lehrten, was sie aus ihrer Tätigkeit, etwa als Armani-Vertriebschef, kannten. Plötzlich konnte ich nicht genug lernen, wurde ein Bücherwurm und las alles durcheinander: Geschichte, Weltreligionen, Politik, Kultur und Philosophie.

Bei meinem ersten Vertriebsjob in Montreal entwickelte ich ein stärkeres Bewusstsein für die Umwelt. Die Wälder, die Landschaften, die ich auf langen Spaziergängen durchstreifte, vermittelten mir ein großartiges Gefühl räumlicher Weite; ich lernte, Stille auszuhalten. In dieser Zeit, im Alter zwischen 19 und 21 Jahren, fand ich meinen Weg. Fünf Jahre lebte und arbeitete ich regelmäßig ein paar Wochen im Jahr im Indianerreservat in Süddakota, half, Biogärten anzulegen, und lernte die indianische Sicht der Welt schätzen, in der die gesamte Mit- und Umwelt zentral ist, nicht der Mensch allein. Diese Haltung gab 1993 meiner ersten, nach umweltverträglichen Gesichtspunkten produzierten Kollektion auch den Namen: It's one world. Aus dem Glauben an eine höhere Ordnung schöpfe ich Kraft für meine Aufgaben.

Erste Anstöße zu ganzheitlichem Denken gab mein Vater, der mir ein großes Vorbild ist. Ich sah ihn durch seinen Beruf selten; war er da, diskutierten wir viel. Wir verstehen uns sehr gut und akzeptieren einander auch dann, wenn sich unsere Ansichten unterscheiden. Traditionelle Rollenbilder galten bei uns zu Hause nicht. Ihnen begegnete ich mit 28, als ehrenamtliche Vorsitzende des Bundesliga-Clubs Wattenscheid 09. Hier lernte ich die Rituale der Männerwelt kennen, vor allem die Pflege von Seilschaften. Als ich statt der süßen Teilchen den Profifußballern ein auf Leistungssport abgestimmtes Frühstück anbieten wollte, entrüsteten sich die Verbandsfunktionäre: Das dürfe man nicht ändern, weil man dem Bäcker seit Jahren verbunden sei.