Von außen deutet so gar nichts auf das Experiment hin, das gerade begonnen hat. Dabei "gibt es unseres Wissens keine andere Schule, die so etwas macht", wie aus dem Büro der Kultusministerkonferenz zu hören ist. Denn im "Spezialgymnasium für Sprachen Schnepfenthal" sind vier Fremdsprachen Pflicht. Eine davon muss eine außereuropäische sein: Japanisch, Chinesisch oder Arabisch. Von der sechsten Klasse an.

Waltershausen-Schnepfenthal liegt am Rande des Thüringer Waldes, und am Rande von Waltershausen-Schnepfenthal liegt die Salzmannschule. Mit ihrem Turm sieht sie aus wie ein Bilderbuchinternat, nur etwas verwitterter vielleicht. Es gibt einen Park, in dem Park steht die Schullinde, und unter der Schullinde steht die Büste des Aufklärungpädagogen Christian Gotthilf Salzmann (1744 bis 1811). Der gründete die Schule 1784 als moderne "Erziehungsanstalt".

Zu den Klassenzimmern geht es über enge Flure und knarrende Treppen, an den Wänden hängen DDR-Tapeten. Der Schülerschweiß von Jahrhunderten hat sich in die Dielen gefressen. Doch das soll sich bald ändern. Das Gymnasium, das bisher hier untergebracht ist und das den Namen Salzmannschule führt, muss nächstes Schuljahr ausziehen, dann wird das Gebäude saniert.

Der Einzug des neuen "Elitegymnasiums" ist ein heikles Thema, trifft den Nerv der Waltershausener. Die Schüler der Salzmannschule demonstrierten gegen ihren erzwungenen Auszug, die Lokalzeitung druckte Leserbriefe, die sich über die "Liquidierung" der alten Schule empörten.

Man muss das verstehen. Die Lehranstalt gilt als eine der letzten aus der Zeit der "philanthropinischen Bewegung", dem Lehrkörper gehörten im Lauf der Jahrhunderte namhafte Pädagogen an: Johann Christoph Friedrich Guts Muths, dessen Büste unter der Schullinde direkt neben der von Christian Gotthilf Salzmann steht, führte in Deutschland den Sportunterricht ein. Carl Ritter war einer der Begründer der modernen Geografie. Die Schule war weit über Thüringen hinaus bekannt, die Zöglinge kamen aus ganz Europa, manche sogar aus Übersee, aus Städten wie Boston, Havanna oder Rio de Janeiro.

Dirk Schmidt, Lehrer an der Salzmannschule und kommissarischer Leiter des Sprachengymnasiums, sagt, dass er die Proteste versteht. Aber "Eliteschule, das hören wir nicht so gern". Andererseits sei gegen eine "geistige Elite" nichts einzuwenden, oder? Schmidt sitzt mit seiner Kollegin Kerstin Bitter in einem winzigen Raum, in dem ein uralter Flügel steht, und breitet die Lehrpläne aus: fünfte Klasse Englisch, sechste Klasse Chinesisch/Japanisch/ Arabisch, siebte Klasse freiwillig Latein. In der achten kommt eine romanische Sprache hinzu (Französisch/Italienisch/Spanisch/Portugiesisch), in der zehnten eine slawische (Russisch/Polnisch/Tschechisch).

Fragt man die Lehrer, wie etwa der Chinesischunterricht ablaufen soll, dann sagen sie, dass sie das auch nicht wissen. "Es gab ja bis jetzt kein Vorbild", sagt Schmidt. Noch existiert in Schnepfenthal auch erst die fünfte Klasse. Die 35 Mädchen und 6 Jungen haben sieben Stunden Englisch in der Woche, das ist das doppelte Pensum. Nach einem Jahr werden die Schüler in Schnepfenthal so weit sein wie andere nach zweien. "Beschleunigter Lehrplan" nennt sich das.