Wie immer findet die Demonstration am lebenden Objekt statt. Das Make-up muss stimmen, die Haltung, der Augenaufschlag. Der amazonenhaft spöttische Mund, der zu sagen scheint: Fangt ihn, wascht ihn und legt ihn mir ins Bett! Schließlich gilt es, einen Ruf zu verteidigen.

Living Proof hat Cher ihre jüngste Wiederkehr betitelt, diesmal als superdominante Leder-Aphrodite mit Rauschgold-Appeal. Auf den ersten Blick eine leicht überirdische Erscheinung, die da vom Cover herabsteigt, eine Sturmgeburt vor gewittergrauem Himmel. Auf den zweiten meint man, seiner alten Aerobic-Lehrerin wiederzubegegnen. Der dritte verliert sich in den Wirren von Kunst- und Pophistorie: ein wenig Botticelli, ein wenig Disney, Vegas, Art Deco. Was allerdings Teil des Spiels ist.

Ohne Wiedererkennungswerte kein eingetragenes Warenzeichen und ohne Trademark kein Gesamtkunstwerk, das männliche Bewunderer wie nachdrängende Girlgroups Mores lehrt. Cher dramatisiert eine alte Geschichte, eine sehr alte sogar. In zwölf lebenden Bildern geht es um den märchenhaften Aufstieg von Cherilyn LaPiere-Sarkesian, Tochter eines armenischen Einwanderersohns und einer erfolglosen Hollywood-Schauspielerin, zur größten Performerin aller Klassen, Madonna einmal ausgenommen. Eine Aschenputtel-Story. Du siehst nicht besonders gut aus, du hast keine echten Talente, also mach was draus: Dieses Orakel soll ihr als Familienerbe mit auf den Weg gegeben worden sein. Living Proof ist die Bestätigung - und der wandelnde Gegenbeweis.

Man muss nur ein wenig das Booklet aufblättern: The lady is a tramp, the lady is a vamp, daneben Diva, Scheherezade, jüdische Prinzessin und vieles mehr. Glitzernd spiegeln sich die Rollen in der Discokugel, die auch diesmal wieder über dem Geschehen schwebt. Es ist nicht die Avantgarde-Disco, in der Kunststudenten über die Grenzen von Herkunft und Geschlecht hinauswollen, und auch kein ausgesprochenes Schwulen-Cabaret, wo Travestien schon immer die Regel waren. Cher schließt zwar niemanden aus (das lesbische Coming-out ihrer Tochter Chastity hat ihr ebenso zu denken gegeben wie die transvestitischen Anwandlungen ihres Sohnes Elijah), interpretiert das Genre aber bodenständig. John Travoltas gereckte Faust gibt hier die Richtung vor: von unten nach oben im Schweiße des Angesichts. Und nie das Ziel aus den Augen verlieren.

Gute Nummern im Repertoire sind dabei von Vorteil. Wenn die legendären Oktav-Bässe aufgefahren werden, putscht das das Geschehen an den Rand der Polonäse. Und wenn Chers Stimme durch den Vocoder gejagt wird, soll der Effekt weder an Kraftwerks Menschmaschine erinnern noch sonst wie coole Modernität ausweisen, es handelt sich einfach um eine weitere Chromleiste an der gut erhaltenen Karosserie. Teuer genug war der Spaß ja. Viel Geld wurde für ein Heer von Produzenten ausgegeben, das dem Sound die nötige Disco-Schwüle gibt, ihn auf Mainstream-Fähigkeit trimmt und gleichzeitig etwas Broadway-Glanz hinzumischt. Dass Living Proof, was Dekor und Gesamtdesign anbelangt, starke Ähnlichkeiten mit dem erfolgreichen Vorgänger Believe von 1999 aufweist - ein Spielverderber, wer Böses dabei denkt. Das Erbe zusammenzuhalten ist auch eine Kunst.

Alle früheren Karrierestufen sind in der aktuellen mit eingebaut, vom Hippiemädchen über die Powerballadenfrau der mittleren Jahre bis hin zur Disco-Queen, eine Quersumme mit Leistungsschaucharakter - und doch bleibt ein Rest. "So I pray that a DJ lifts my heart", geht die Klage gleich im Eröffnungsstück, einem Schmachtfetzen von Tanzbodendrama, der die Heldin in ihrer Prachtrolle als Melodramatikerin zeigt. Erzählt wird von einem Freak im Scheinwerferlicht, einem Kämpfer für Status und Ansehen - mit auffallenden Parallelen zur Erzählerin. Wie sie lebt er vom Zuspruch, und wie sie muss er leiden, wenn er ausbleibt. Zum Erfolgsmärchen gehört eben auch die Überhöhung erlittener Kränkungen.

Dunkle Figur, trotz Blondheit