Nach dem 11. September ist nichts mehr, wie es einmal war" - dieser Satz war in den vergangenen Wochen immer wieder zu hören. Wenn damit gemeint ist, dass sich viele Parameter des Politischen verschoben haben, stimmt die Aussage. Soll der Satz jedoch heißen, dass unsere historischen Erfahrungen - als Deutsche, als Europäer, als Bürger der westlichen Welt - zur Beantwortung der neuen Herausforderungen nichts mehr beitragen können, dann ist er falsch. Denn diese Erfahrungen bleiben ein wichtiger Kompass, ohne den sich humane Politik gar nicht machen lässt - das gilt auch und gerade für die Politik nach dem 11. September.

Wir sollten deshalb bei allen Antworten, die jetzt notwendig sind, besonders vier historische Daten bedenken: den 28. Juni 1914, den 8. Mai 1945, den 27. Januar 1973 und den 9. November 1989.

Am 8. Mai 1945 gingen mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht der Zweite Weltkrieg und der Hitler-Faschismus zu Ende. Es war kein Jubeltag, aber dennoch eine Befreiung, ein Wendepunkt zum Guten. Er verhalf zunächst in Westdeutschland, seit 1989 dann in Gesamtdeutschland einem Volk zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, das nicht in der Lage war, sich aus eigener Kraft vom Nationalsozialismus zu befreien. Auf der Potsdamer Konferenz im Juli/August 1945 einigten sich die Siegermächte auf die berühmten vier "D": Denazifizierung, Demilitarisierung, Dezentralisierung und Demokratisierung. Deutschland sollte den Wiederaufbau zwar "unter Aufsicht", aber doch von sich aus schultern.

Warum dieser Rückgriff auf die Geschichte? Ganz einfach: weil wir, wenn über die weltpolitischen Fragen von heute geredet wird, die Ursprünge unserer Demokratie nicht ausblenden können. Selbstverständlich ist die Situation Deutschlands 1945 völlig anders als jene Afghanistans im Jahre 2001. Simple Vergleiche verbieten sich. Aber trotzdem sollten wir, wenn wir nicht geschichtsblind sein wollen, die jetzigen Argumente und Lösungsansätze auf ihre historische Plausibilität überprüfen.

Ich will zunächst einmal festhalten, dass der viel zitierte Satz "Gewalt gegen Gewalt kann nichts Gutes hervorbringen" in dieser Allgemeinheit falsch ist. Der 8. Mai 1945, der das Ende des Hitler-Faschismus und den Beginn einer demokratischen Zeitrechnung in unserem Land markiert, widerlegt ihn. Es gibt Situationen, in denen auch die widerständigen Teile der Bevölkerung nicht in der Lage sind, ihr Land von einem Terrorregime zu befreien. Auch jetzt und bei aller Sorge und Labilität: Die Bilder aus Kabul und anderen Städten zeigen die Freude der Menschen über die wiedergewonnene Freiheit. Die internationale Staatengemeinschaft muss jetzt ihre Zusagen einlösen und Afghanistan Hilfsleistungen in ausreichendem Maße zukommen lassen. Wir dürfen dieses Land nicht noch einmal seinem Schicksal überlassen.

Außerdem: Eine militärische Intervention setzt in aller Regel die unmittelbare Betroffenheit des intervenierenden Landes voraus, eine reine Menschenrechtsintervention ist nach innen wie nach außen nur schwer zu vermitteln. Eine demokratische Regierung kann die Gefährdung eigener Staatsbürger - sie ist die Folge jeder kriegerischen Auseinandersetzung - der eigenen Bevölkerung nur dann nahe bringen, wenn diese selbst bedroht ist oder ihre Bedrohung möglich erscheint. Und andere Länder werden eine Intervention nur dann akzeptieren, wenn das einmarschierende Land starke Gründe für sein Verhalten geltend machen kann.

Das war zum Beispiel der Fall am 7. Dezember 1941: Erst der japanische Angriff auf Pearl Harbor brachte Amerika dazu, endgültig in das Kriegsgeschehen einzugreifen. Der 7. Dezember 1941 wurde in den letzten Wochen deshalb oft mit dem 11. September 2001 verglichen. Auch in Pearl Harbor starben binnen weniger Stunden mehr als 3000 Amerikaner. Mit dem Unterschied, dass diese Tragödie weit vor der Küste und nicht - wie am 11. September - mitten im kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Zentrum Amerikas stattfand.