Notenbanker neigen selten zum Überschwang. So wie György Szapáry. Der Vizepräsident der ungarischen Zentralbank gibt sich stets vorsichtig, will immer seriös bleiben. Fragt man Szapáry freilich nach dem Euro, gerät der Technokrat ins Schwärmen. "Spätestens im Jahr 2004", ist er sich sicher, werde sein Land "die Maastricht-Kriterien erfüllen" und damit reif sein für die neue Währung. Die Botschaft aus Budapest ist klar: Der Osten will den Euro haben - und zwar schnell.

So viel Euphorie wird im Westen ungern gesehen. In einem Memorandum an Bundeskanzler Gerhard Schröder warnte die Führung der Bundesbank schon Ende vorigen Jahres "vor einer verfrühten Aufnahme in die Währungsunion". Eine EU-Delegation, im Frühsommer zu Besuch in Tokyo, vernahm erschrocken die Frage japanischer Börsianer, wie groß Brüssel denn "den Schaden für den Euro-Kurs durch die Erweiterung" veranschlage. Und in ihrem Monatsbericht vom Oktober dieses Jahres legten die Bundesbanker noch einmal nach. Erhielten die osteuropäischen Staaten den Euro zu früh, könne es "schwierig oder sogar unmöglich" werden, eine Geldpolitik zu verfolgen, die "gleichzeitig den Interessen der reiferen Volkswirtschaften und der Reformländer gerecht" werde. Knapp zwei Jahre vor dem möglichen Beitritt von bis zu zwölf Staaten in die EU erlebt Europa eine Debatte, die Brüssel gern vermeiden würde: Gefährdet die Osterweiterung die Stabilität der Einheitswährung?

Nein, beteuert die EU-Kommission und verweist auf den Fahrplan zur Einführung des Euro: Nach ihrem EU-Beitritt - der nach der jüngsten Analyse der Kommission wohl noch vor den Wahlen zum Europäischen Parlament im Sommer 2004 erfolgen kann - behalten die neuen Mitgliedsstaaten zunächst ihre Münzen und Scheine. Mindestens zwei Jahre werden sie dann auf die Probe gestellt: Ihre Währung darf im Rahmen des Europäischen Währungssystems (EWS II) nur um höchstens 15 Prozent vom festgelegten Wechselkurs zum Euro abweichen; nach 24 Monaten wird das erste Mal geprüft, ob ein Land die Maastricht-Kriterien für die Einführung des Euro erfüllt. Ein weiteres Jahr dürfte für die finale Fixierung des Wechselkurses und allerlei Formalien vergehen. Frühestens 2007, wohl eher 2008 sind Polen, Ungarn oder Tschechen so weit, Zloty, Forint oder Krone einzuschmelzen und den Euro zu prägen.

Euro durch die Hintertür?

Schon heute, sagt Daniel Gros vom Centre for European Policy Studies (CEPS) in Brüssel, "ist die erste Welle der Beitrittskandidaten sehr viel näher an der Erfüllung der Maastricht-Kriterien, als es die Südländer der EU zu Beginn der Währungsunion je waren". Gros empfiehlt den Kandidaten sogar, sich den Euro als Fremdwährung per einseitige Erklärung einfach als nationale Währung anzueignen. Doch eine solche "Euroisierung" des Ostens lehnen die EU-15 schon aus Imagegründen strikt ab. Immerhin: Mit Ausnahme der beiden Nachzügler Bulgarien und Rumänien, die sich in diesem Jahrzehnt kaum für die gemeinsame Währung qualifizieren dürften, erfüllen die Aspiranten weitgehend die Euro-Kriterien (siehe Tabelle). Chronisch über dem Soll liegen dagegen selbst Musterschüler wie Polen, Ungarn oder die Balten bei der Bekämpfung der Inflation.

Allerdings kommen diese Staaten um steigende Preise auch gar nicht herum. Die zehn Länder, deren Wirtschaftskraft sich bislang auf magere sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Euro-Zone addiert, müssen aufholen. Zwar dürfte es noch 20 Jahre dauern, ehe ihr Pro-Kopf-Einkommen auch nur der Hälfte Westeuropas entspricht, aber ihr stetig höheres Wachstum im Aufholprozess und steigende Löhne befeuern die heimische Inflation. Ökonomen nennen das den Balassa-Samuelson-Effekt.

Von Tallinn bis Ljubljana steckt die Wirtschaftspolitik daher in der Zwickmühle: Die Kriterien für den EU-Beitritt verlangen Investitionen und Wachstum, auch um die EU-Vorschriften für besseren Umweltschutz oder Hygieneauflagen im Binnenmarkt zu erfüllen. Derweil mahnen die Kriterien für die Einführung des Euro zum Sparen.