Was für ein einladender Bau! Nahe der Backshop-Tristesse am Bahnhof Salzgitter Bad sticht die Architektur gleich ins Auge: viel Holz, eine transparente Fassade, dahinter wuchert es grün. Ein lichter Innenhof, kleine Läden auf einer Galerie. Alles großzügig, modern. Wer hier wohl arbeitet: eine florierende Gemeinschaftspraxis? Schicke Werbeagenturen? Weder noch, dies ist ein - na ja: ein Mütterzentrum.

Dessen Leiterin Hildegard Schooß ist es gewöhnt, dass Besucher ihres Zukunftsprojekts überrascht sind. Es stimmt ja: Gewöhnlich schlüpfen Frauen und Kinder verdruckst in Kirchengemeinden oder Sozialstationen unter; an Orten, deren mit selbst gemachtem Wandschmuck überklebte Bescheidenheit symbolisiert, wie hoch der geschäftige Rest der Welt jenseits von romantisierendem Pathos Erziehung und Fürsorge tatsächlich bewertet. Wenn die Mütter überhaupt etwas für sich tun und nicht als Haushälterin, Elternpflegerin, Nachhilfelehrerin, Chauffeurin ihrer Kinder ganz im Privaten aufgehen. Oder untergehen?

Nein, keine neue Ideologiedebatte: Niemand muss arbeiten. Doch viele wollen es, sollten es, um Geld zu verdienen oder ihre Ausbildung nicht zu verschenken - und tun es doch nicht. Denn wenn Kinder da sind, dann fühlen sich auch die emanzipierten jungen Mütter oft über Jahre in die Fürsorgerolle gedrängt. Zu tief verinnerlicht ist die vom Steuersystem bekräftigte Norm, dass Kindererziehung und Altenbetreuung reine Privatsache seien. Vor allem in Deutschland riskieren Abweichlerinnen noch immer Missbilligung. Anderswo kenne man nicht einmal das Wort "Rabenmutter", erklärte jüngst in Berlin der französische Kulturattaché.

Dabei ist die Familie längst zu klein geworden für immer größere Aufgaben, sollen Mama und Papa zu viel allein stemmen in einer beschleunigten, sich verändernden, mobilen Welt. Großeltern und Verwandte in der Nähe zu haben ist Glückssache; Freundschaftsnetzwerke reißen spätestens beim nächsten Umzug; Vereine und Kirchengemeinden verlieren ihre Bedeutung als Terrain, wo Eltern Hilfe finden und Kinder eigenständig von anderen Menschen lernen können. "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen", mahnte Hillary Clinton in den USA. Petra Gerster und Christian Nürnberger kontern in ihrem Buch Der Erziehungsnotstand: "Verschwundene Dorfstrukturen kann man nicht künstlich aus dem Boden stampfen." Aber wieso eigentlich nicht? Vereinzelt immerhin deutet sich neben neuer Förderung, manchmal Verklärung der Familie ein anderer Wandel an: die "Rückkehr des Lebens in die Öffentlichkeit". So jedenfalls nennt Hildegard Schooß ihr Mütterzentrum, ihre Gegenoffensive. Das Schlüsselwort lautet Integration: Frauen sollen wieder in die Außenwelt eingebunden werden, Berufstätigkeit ins Gemeinschaftsleben, Alte und Kinder in den Alltag der Profis. In Salzgitter können Mütter unter dem gleichen Dach arbeiten, unter dem auch Sohn oder Tochter betreut werden: Sie mieten dort einen Büroarbeitsplatz oder, wie die Heilpraktikerin und die Secondhand-Kauffrau, einen kleinen Laden; oder sie sind angestellt beim Pflegedienst, der Wäscherei, dem "Familienservice". Rund hundert Arbeitsplätze gibt es im Mütterzentrum. In Vollzeit oder Teilzeit, so flexibel wie die Kinderbetreuung. Jugendliche haben einen eigenen Keller, wo sie nach der Schule durchs Internet surfen oder Schlagzeug üben können. Oben im Haus liegt der Altentreff.

Die Türen sind offen, auf klug geplanten Zwischenebenen ergeben sich Begegnungen. Rentner und Windelkinder, Eingewanderte und Einheimische, Ungebildete und Ausgebildete arbeiten, erzählen, spielen, planen gemeinsam. Für die Kosten kommt zu einem Drittel der Trägerverein SOS Kinderdorf auf. EU, Bund und Land fördern Sozial- und Qualifizierungsprojekte im Zentrum. Den Rest erwirtschaften die Frauen in ihren Dienstleistungsbetrieben selbst. Im Mütterzentrum, sagt Hildegard Schooß, soll "Schluss sein mit der Aufspaltung in Leistungswesen und Sozialwesen". Vor allem mit deren unterschiedlicher Bewertung.

Zwar ermöglichte, historisch gesehen, erst die Eroberung eines vor fremden, besonders staatlichen Einblicken geschützten Raumes die Befreiung von gesellschaflichen Normen und eine demokratische Vielfalt der Lebensentwürfe - auch für Frauen. Ursprünglich war eine solche Sphäre Vorrecht des Bürgertums und wurde erst mit der Überwindung enger Wohnverhältnisse verallgemeinerbar. Andererseits ist die Geschichte des Privaten begleitet von der Verdrängung der Alten, der Schwachen, der Kinder, damit der Fürsorge aus dem öffentlichen Leben. Die Trennung der Stadt in Zonen der Arbeit, des Wohnens und des Sichzeigens hat dieses Verschwinden beschleunigt.

Als Hort der Geborgenheit hat man die Familie stets gepriesen, im Gegensatz zur Kälte "draußen" in Politik und Beruf. Doch unterschwellig, schreibt die Philosophin Beate Rössler, bleibe das häusliche Leben vor der Ökonomie zweite Wahl, "da es ... die Sphäre der Öffentlichkeit ist, in der relevante Entscheidungen getroffen werden, tatsächliche gesellschaftliche Verantwortung gelebt wird". Diese Abwertung erfahren Mütter und die wenigen sorgenden Väter bei jeder Haushaltsdebatte. Und jedem Partygespräch: "Was machen Sie denn so? - Zurzeit kümmere ich mich um die Kinder." Ende des Dialogs.