Manchmal hilft ja Erfahrung: Es ist nicht der erste Krieg, den er seiner Partei erklären muss. Und wie es sich anfühlt, wenn Koalitionen scheitern, hat Joschka Fischer auch schon erlebt. Ganz schnell, fast schmerzlos, geht das vonstatten. Am Sonntag tritt man vor den grünen Parteitag, beschwört das "Ende der Fahnenstange" und gibt seinen "wohl letzten Rechenschaftsbericht als Minister". Am Tag darauf lässt der sozialdemokratische Regierungschef das Schlusswort per Boten überbringen: "Ich nehme Ihr Rücktrittsangebot an. Bitte teilen Sie meinem Büro mit, wann Sie die Entlassungsurkunde in Empfang nehmen möchten." Ende. Joschka Fischer, vierzehn Monate zuvor als erster grüner Minister des Landes Hessen, der Bundesrepublik und der Weltgeschichte vereidigt, war plötzlich wieder Oppositionspolitiker. Vielleicht denkt er in diesen Tagen manchmal an den Februar 1987. Immerhin steht wieder eine rot-grüne Koalition auf der Kippe. Und wieder einmal spielt er eine tragende Rolle.

Doch hier endet auch schon die Analogie zu den hessischen Ereignissen. Seinerzeit markierte der Koalitionsbruch nur ein Zwischentief, eher den holprigen Beginn als das Ende der rot-grünen Perspektive. Wenn an diesem Wochenende in Rostock um den Fortbestand der Berliner Koalition gerungen wird, geht es um Rot-Grün überhaupt. Auch die Konstellation ist ganz anders. 1987 stand Fischer zusammen mit seiner Partei gegen die Atompolitik der hessischen SPD unter Holger Börner. Heute hingegen muss er an der Seite des Kanzlers die Grünen von der Richtigkeit eines Kurses überzeugen, dem das Grüne nicht mehr recht anzusehen ist.

Während prinzipienfeste Parteifreunde, die an der pragmatischen Normalität ihrer Partei verzweifeln, Fischer inzwischen fast alles zutrauen, setzt sich beim Publikum der uralte Argwohn durch, mit den Grünen könne man eben doch nicht regieren. Für die einen steht der Außenminister unter verschärftem Opportunismusverdacht, für die anderen ist er noch immer der Anführer einer regierungsunfähigen Chaos-Veranstaltung.

Die Sorge, die rot-grüne Koalition sei ein ums andere Mal von den Unwägbarkeiten grüner Parteitage abhängig, treibt mittlerweile auch den Kanzler um. 1987 immerhin warb Gerhard Schröder bei den Genossen noch um Verständnis dafür, "dass die Grünen ein unheimlich schwieriger Fall sind". Heute setzt er sie schonungslos unter Druck: Die Vertrauensfrage im Bundestag war nur die erste Probe auf die Verlässlichkeit der grünen Abgeordneten in Zeiten des Krieges. Nun soll Joschka - zum zweiten Mal in dieser Legislaturperiode - auch die Partei auf Linie bringen.

Drohung und Überrumplung

Mit der Afghanistankonferenz in Berlin rückt das Militärische hier einen Moment in den Hintergrund. Das wird sicher helfen. Doch der Außenminister weiß, was die Koppelung der Kriegsentscheidung an die Vertrauensfrage des Kanzlers für die Psyche seiner Partei bedeutet. Es war die tiefste Demütigung, die die Grünen in ihrer Geschichte erlitten haben. Niemals zuvor wurde ihnen so offen demonstriert, wie schmal ihr Handlungsspielraum als Regierungspartei ist, wie klar die Machtverhältnisse in der Koalition geregelt sind. Auch ohne Schröders Zuspitzung wäre Fischers Aufgabe, die rebellierende Partei von einer deutschen Beteiligung am Antiterrorkrieg zu überzeugen, schwer genug gewesen. Nun aber erscheint sein Werben vor dem Parteitag zugleich wie ein Einverständnis mit der Domestizierungsstrategie des Kanzlers.

Nachdem der Sponti und ehemalige Linksradikale 1981 zu den Grünen kam, kämpfte er gegen den erbitterten Widerstand der Parteilinken für ein Bündnis mit den Sozialdemokraten. Und von Anfang an begleitete ihn die argwöhnische Frage, ob es ihm dabei wirklich um grüne Politik oder nur um die Durchsetzung eigener Machtansprüche zu schaffen sei. Doch erst seit Fischer als deutscher Außenminister so selbstverständlich mit den Mächtigen der Welt verkehrt und sich die Diskrepanz zwischen Staatsamt und innerparteilicher Rolle immer weniger überbrücken lässt, nähert er sich dem kritischen Punkt.