Weltrekord: 5558 Leser haben sich an dem Gewinnspiel beteiligt, das die ZEIT vor drei Wochen an dieser Stelle ausgeschrieben hat. So viele Teilnehmer hatte noch kein "Zeitungsexperiment", das Wirtschaftswissenschaftler in Zusammenarbeit mit der Presse durchgeführt haben. Die Forschungsgruppe, bestehend aus Werner Güth und Carsten Schmidt vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Wirtschaftssystemen in Jena und Matthias Sutter von der Universität Innsbruck, hat also eine Menge Daten, die sie in den nächsten Monaten auswerten wird.

Dabei war die Aufgabenstellung komplizierter als in allen vorangegangenen Experimenten. Zur Erinnerung: Es ging darum, einen Geldbetrag zu verteilen. Drei Brüder - wir nannten sie X, Y und Z - haben von einer reichen Tante 1200 Mark bekommen. Folgende Regel hat die Tante bestimmt: X soll einen Vorschlag zur Aufteilung des Geldes machen. Y muss entscheiden, ob er diesen Vorschlag akzeptiert. Ist er einverstanden, dann bekommen die drei jeweils ihren Anteil gemäß dem Vorschlag von X. Lehnt Y ab, dann behält die Tante ihr Geld. Der dritte Bruder Z darf bei der Verteilung überhaupt nicht mitreden - er muss nehmen, was kommt.

Die Teilnehmer sollten sich zunächst in Bruder X hineinversetzen und aus 18 möglichen Verteilungen eine auswählen. Dann sollten sie sich vorstellen, sie wären Bruder Y, und für jede der 18 vorgeschlagenen Verteilungen festlegen, ob sie diese akzeptieren oder ablehnen würden.

Mit solchen Situationen beschäftigt sich die so genannte Spieltheorie, eine Wissenschaft im Grenzgebiet zwischen Mathematik und Ökonomie. In der klassischen Spieltheorie ging es vor allem darum, Lösungen für Konflikte zu finden, in denen alle Teilnehmer versuchen, auf rationale Weise für sich die höchste Auszahlung zu erzielen. In den vergangenen Jahren haben sich die Wirtschaftsforscher zunehmend mit Aufgaben wie der in unserem Spiel befasst. In ihnen gibt es zwar auch eine eindeutige Lösung unter der Annahme, dass alle Teilnehmer "vernünftig" handeln. Doch die neuen Theorien versuchen noch etwas anderes zu beachten: dass reale Menschen aus Fleisch und Blut anders entscheiden, weil außer dem persönlichen Profit auch noch Kriterien wie "Fairness" oder "Gerechtigkeit" ihr Handeln bestimmen.

Denn wenn man unsere Problemstellung völlig rational betrachtet, so gibt es eigentlich kein großes Dilemma: Bruder Y hat immer nur die Wahl zwischen der von X angebotenen Verteilung, bei der er einen gewissen Geldbetrag bekommt, und der Alternative, bei der alle drei leer ausgehen. Vernünftigerweise muss er also den Vorschlag von X annehmen. Weil X das weiß, kann er - profitorientiert, wie er ist - die für ihn einträglichste Verteilung vorschlagen. In diesem Fall hieße das: Er selbst behält 1000 Mark, die beiden anderen bekommen je 100.

Aber die spieltheoretische Lösung war unter den eingesandten Fragebögen mit 9,1 Prozent nur die dritthäufigste Entscheidung (siehe Tabelle). Und sie wäre auch in der Praxis kein vielversprechender Vorschlag: Denn in der Rolle des Y lehnen drei Viertel der Teilnehmer diesen Vorschlag ab - sie gehen also lieber leer aus, als diese aus ihrer Sicht unfaire Lösung zu akzeptieren. Die zweithäufigste Verteilung, die unsere Teilnehmer in der Rolle des X anboten, war die, bei der X mit 600 und Y mit 500 Mark den größten Teil des Kuchens unter sich aufteilen und Z mit 100 Mark abspeisen: 16,8 Prozent der Einsender wählten diese Variante. Und in der Rolle des Y würden 64,9 Prozent dieses Spiel mitmachen.

Eindeutig die häufigste Einsendung aber war die "gerechte" Verteilung, bei der jeder der drei Brüder 400 Mark erhält. 54,9 Prozent der Teilnehmer schlugen diese Aufteilung vor, und fast alle (96,7 Prozent) würden sie natürlich auch als Y akzeptieren.