Bin ich jemals glücklich, fragte der Teufel, außer wenn ich Schwierigkeiten zu überwinden habe? Als der Teufel einmal in einem hohlen Baum festgehext worden war, erfand er aus Langeweile den Branntwein. Der thüringische Märchensammler Ludwig Bechstein hat uns erzählt, wohin das führte: Weil der Teufel nach langer Abwesenheit keine einzige Seele mehr in der Hölle vorfand, wollte er die Leute mit Schnaps zum Fluchen bringen. Gedacht, getan, doch wieder Pech gehabt, denn nun kamen die armen Sünder dutzendweise in die Hölle, dass bald kein Platz mehr war, darum musste der Leibhaftige anbauen lassen.

Im Märchen ist die Bedrohung eine notwendige Vorstufe des Glücks, die schier unlösbare Aufgabe Bedingung alles Wunderbaren. Die Verwandlung des Harry Potter-Romans in einen Film hingegen zählt nicht zu den Wagnissen, wie sie vom tapferen Schneiderlein oder der Müllerstochter, die Stroh zu Gold spann, unternommen wurden. Harry Potter verfilmen heißt aus Gold noch mehr Gold machen (denn das Drehbuch, so erläutern uns die prosaischeren unter den Potter-Fans, steckt in diesem Buch schon drin), was nicht schlimm ist, aber leider auch nicht gefährlich. Nun ist die Abenteuerlust ein wenig in Verruf geraten, nachdem wir kürzlich merkten, dass Fantasie (gepaart mit krimineller Energie) unsere Welt erschüttern kann. Händeringend rufen wir nach Sicherheit und Sachbüchern wie einst die Müllerstochter nach dem rettenden Wunder.

Vorsichtig, aber entschlossen sei daher der eklatante Mangel an Risikofreude unter den Filmemachern beklagt. Harry Potter!Herr der Ringe! Aber weit und breit kein einziger Film, der sich an ein Märchen aus der Bechsteinschen Sammlung wagte, die doch im 19. Jahrhundert populärer war als Achim von Arnims und Clemens Brentanos Volkslied-Anthologie Des Knaben Wunderhorn und selbst die Hausmärchen der Brüder Grimm. Das Volksmärchen ist eher moralisches Lehrstück als fantastische Erzählung. Sosehr es von den Psychologen späterer Zeiten durchinterpretiert wurde, so wenig psychologisch sind seine Figuren gezeichnet, ein Defizit, das im romantischen Kunstmärchen aufgehoben wird. Dort ist Wunderbares und Wirklichkeit gleich unsicher, das Unglaubliche daher plausibel.

Doch auch Der goldene Topf oder Der blonde Eckbert wären widerspenstiges Filmmaterial. Zu klein der realistische Kern des Erzählten, zu groß der poetische Überschuss: Was Ludwig Tieck mit "Waldeinsamkeit" meint, lässt sich mit ein paar Tannen nicht bebildern. Und was würde aus Novalis' Gedanken, das Denken sei nur ein Traum des Fühlens?

Die Märchen Ludwig Bechsteins, der am 24. November 200 Jahre alt wäre, sind allerdings auf weniger gemütvolle Weise unverfilmbar. Hier betätigt sich der Erzähler gern als hämischer Kommentator, behauptet etwa vom Menschenfresser Seelenlos, der wähle seine Opfer unparteiisch aus, denn er liebe "nächst dem Mädchenfleische vor allem Gleichberechtigung". Wer sich dieser Texte annähme, der hätte nicht bloß Drachen zusammenzupixeln, sondern freie Adaptionen zu wagen. Aber Freiheitsliebe, droht Herr Seelenlos, ist leider eine Kerkerblume.