Bis vor kurzem war Impfen etwa so angesagt wie Pulswärmer, Bettflaschen und wollene Unterhosen. In anderen Worten: mega-out. Rundumversicherte Großstädter glaubten, auf Vorbeugung verzichten zu können. Naturliebende Freidenker sahen durch Spritzen gar die körpereigene Abwehr bedroht. Die Statistik schien Impfmuffel zu bestätigen: Viele Leiden, die vor hundert Jahren Tausende Menschen dahinrafften, kommen hierzulande nur noch in Lehrbüchern vor. Andere Ansteckungskrankheiten galten - dank früherer Impfkampagnen - gar als komplett ausgerottet.

Inzwischen hat sich die Situation geändert. Impfen ist plötzlich wieder Thema: Seit den Terrorattacken auf Amerika wird auch in Deutschland nach einem Impfstoff gegen den tödlichen Milzbranderreger gesucht. Ähnlich bei den Pocken: 1980 erklärte die Weltgesundheitsorganisation den Sieg über die Krankheit, Deutschland hatte die Impfpflicht wegen der Nebenwirkungen schon 1976 aufgehoben. Doch als die USA jüngst begannen, im globalen Maßstab Impfstoff aufzukaufen, wollte auch die Bundesregierung nicht zurückstehen. Es begann ein hartes Feilschen um die wenigen verbliebenen Vorräte. Schließlich erbarmten sich die Nachbarn aus der Schweiz und halfen Deutschland mit sechs Millionen Dosen aus ihrer eigenen Notfallreserve aus.

Auch die Bürger selbst beginnen sich Gedanken über möglichen Bioterrorismus zu machen. Die Internet-Seite des Berliner Robert Koch-Instituts für Infektionskrankheiten - als ehemaliges Bundesgesundheitsamt in normalen Zeiten nicht gerade der In-Treff der Cyberwelt - verzeichnete im Oktober dreimal so viele Clicks wie im Vorjahresmonat. Haus- und Betriebsärzte wundern sich ebenfalls, wenn Patienten, die früher last minute und völlig ungeschützt zum Tropenurlaub aufbrachen, plötzlich mit dem Impfbuch auf der Matte stehen. "Ob die Spritze von 1970 auch heute noch Schutz vor dem Blatterntod gewährt ...?"

Entwarnung für die Älteren: Der Schutz hält lange, die Krankheit kann sich höchstens in abgeschwächter Form bemerkbar machen. Eine Neuimpfung mag selbst den Jüngeren wegen der Nebenwirkungen niemand empfehlen. Amerika etwa will seine Bürger nur impfen, wenn wirklich Erreger nachgewiesen werden. Weil niemand weiß, ob überhaupt Pockenviren in falsche Hände gelangt sind, ist die Bedrohung so vage, dass sie sich nicht einmal in Zahlen ausdrücken lässt. Realer ist da schon das Risiko, an Grippe oder Masern zu sterben. Gerade in Deutschland.

Wenn es allein nach dem Plan der Weltgesundheitsorganisation ginge, wären die Masern in Europa bis spätestens 2007 besiegt. Doch daraus wird wohl nichts. Schuld sind die Deutschen. Anders als etwa Schweden und Finnen verweigern sie häufig die Impfung. Das Ergebnis: im Durchschnitt 100 000 Fälle pro Jahr, von denen viele mit Komplikationen, 10 sogar tödlich enden. Auch andere Länder leiden unter diesem Boykott. Viren sind frequent travellers, die auch große Entfernungen nicht scheuen. So wurde nachgewiesen, dass selbst bei Masernfällen in den USA ein Großteil auf deutsche Überträger zurückgeht.

Ähnlich bei Grippe: Wenn die Weltgesundheitsorganisation "in absehbarer Zeit" eine neue Epidemie kommen sieht, warnt sie nicht etwa vor einer herbstlich-harmlosen Schnupfenwelle. Als in den Jahren nach 1918 die so genannte Spanische Influenza wütete, starben weltweit über 20 Millionen Menschen. Zweimal danach kam es zu weiteren großen Grippe-Epidemien, seither hat die Mobilität noch zugenommen. Alten und geschwächten Menschen empfehlen Ärzte deshalb die Vorbeugung. Bisher mit wenig Erfolg: Nicht einmal ein Drittel der über 60-Jährigen lässt sich hierzulande impfen. Bei amerikanischen Senioren ist die Rate mehr als doppelt so hoch.

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