Amman

Wenn Jordanien ein freies Land wäre, dann würde über Raid Abdallah auf den ersten Seiten sämtlicher Tageszeitungen geschrieben. Er ist das erste jordanische Opfer im Krieg gegen den Terrorismus, für seine Freunde und seine Familie ein edler Märtyrer, der sein Leben für eine gerechte Sache opferte. Er starb im fernen Afghanistan. Raids Vater hat die Tore seines Hauses in der Kleinstadt Salt für alle geöffnet, die Trost spenden möchten. Die Trauerfeier läuft seit zwei Tagen, aber immer noch strömen Nachbarn, Freunde und Verwandte durch die schmale Eisentür, die in den Empfangssaal führt. Raids Vater, ein Mann von 59 mit dem Gesicht eines 70-Jährigen, schüttelt unablässig Hände und küsst die Wangen seiner Vertrauten. Selbst der Polizist von nebenan ist gekommen, in voller Uniform. Nur die Presse ist nicht da.

Keine arabische Zeitung in der Hauptstadt Amman hat den Tod Raid Abdallahs auch nur erwähnt, geschweige denn das staatlich kontrollierte Fernsehen. Einzig die englischsprachige Jordan Times berichtet - versteckt auf Seite drei - über jenen Vorfall in Afghanistan, der eigentlich aufs Titelblatt gehört hätte.

"Amerika hat die Islamisten aufgebaut"

Journalistische Schlamperei? Wohl kaum. Kein arabisches Land unterstützt den Krieg gegen den Terrorismus so standhaft wie Jordanien. König Abdullah bestärkte die Amerikaner in ihrem Bestreben, die Bombardierung Afghanistans auch während des Fastenmonats Ramadan fortzusetzen. Da kommt einer wie Raid Abdallah, der von den Jordaniern als Märtyrer gefeiert wird, äußerst ungelegen. Denn Raid hat auf der falschen Seite gekämpft - vor zwei Jahren ist er im Alter von 32 mit Frau und fünf Kindern losgezogen, um in der weiten Welt "für den Islam zu kämpfen". Zunächst verschlug es ihn nach Tschetschenien, in Afghanistan hat er nun an der Seite der Taliban den ersehnten Märtyrertod gefunden.

Um die Jordanier nicht unnötig in Wallung zu bringen, versucht das Regime, derartige Fälle unter den Teppich zu kehren. Die Mühe könnte jedoch vergebens sein. Denn König Abdullah dürfte den Kampf um die Herzen seiner Untertanen längst verloren haben. Während der junge Monarch über das internationale Parkett flaniert und mit seinem fließenden Englisch die Sympathien des Westens erobert, wächst in seinem eigenen Land der Hass auf Amerika. Es sind nicht nur Islamisten und Extremisten, die plötzlich Osama bin Laden als Kriegshelden entdeckt haben; viel beunruhigender ist es, dass auch Säkularisten - darunter Vorkämpfer der Demokratie - immer weiter auf Distanz zum Westen gehen.

"Ich verabscheue das Regime der Taliban", sagt Fahid al-Rimawi, Chefredakteur der Wochenzeitung Al-Majd. "Ich wäre der Erste, der nach Deutschland fliehen würde, wenn sie bei uns herrschten. Trotzdem bin ich in diesem Krieg auf ihrer Seite."