BELLETRISTIK

Ludwig Bechstein: Sämtliche Märchen; kommentiert u. mit e. Nachw. von Walter Scherf; 187 Illustr. von Ludwig Richter; Artemis & Winkler, Düsseldorf 1999; 875 S., Leinen 88,- DM, Leder 198,- DM
Es war einmal eine Welt, in der man den König an der Krone, die Stiefmutter an böser Laune und den Glückspilz an seiner Einfalt erkannte; aber schon damals - Unvollkommenheit der Konzeption! - konnte ein schönes Weib auch ein rechter Zornbraten sein. Ein Apothekerssohn aus Thüringen hat märchenhafte Rezepte zur Weltverbesserung zusammengetragen. Im noblen Reprint der Gesamtausgabe von 1965 sind sie versammelt: Was gegen Drachen hilft und gegen alles Arge und Karge, Mückische und Tückische.

Ludwig Bechstein: Märchen; Auswahl; Illustr. von Ludwig Richter; Vitalis, Prag 2001; 208 S., 24,80 DM
Unter drei Menschen finden sich mindestens zwei, die uns belehren möchten, aber unter drei Märchen nicht selten vier. Das drastisch Belehrende wie das fantastisch Bekehrende mündlicher Überlieferung verschriftlicht Bechstein blumiger, frecher, kommentierfreudiger - also dichterischer als die Brüder Grimm. Im Schlaraffenland hagelt es Würfelzucker, und auf dem Markt wächst Freiheit.

Ludwig Bechstein: Ein Lesebuch; hrsg. von Andreas Seifert im Auftrag der Meininger Kulturstiftg.; quartus-Verlag, Bucha 2001; 239 S., Abb., 24,80 DM
Im 19. Jahrhundert war Bechstein der beliebteste Märchensammler, populär auch wegen seiner Gedichte, Reiseberichte, Erzählungen (Der Dunkelgraf), Publizistik (Sitte und Sage). Und weil er nicht gestorben ist, können wir uns zu seinem 200. Geburtstag ein herrlich altmodisches Buch schenken und schmökern bis an unser seliges Ende.
Evelyn Finger

SACHBUCH

Holger Barth (Hrsg.): Grammatik Sozialistischer Architekturen; Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2001; 343 S., 70,- DM
Müssen sich wissensreiche Bücher dermaßen scheußlich zeigen, als wollten sie mit dem Umschlag warnen: Vorsicht! Viel Arbeit, kein Spaß? Schade, denn dieses "Grammatikbuch" enträtselt uns mithilfe vieler Autoren auf vielfältige Weise (und nur selten in störrischem Deutsch) die oft schwer durchschaubaren Prozesse in vier Jahrzehnten Architektur und Städtebau der DDR. Wir erfahren von Vorsatz und Enttäuschung beim Bau "sozialistischer Städte", viel über die seltsamen Stilverrenkungen zwischen Traditionalismus und Moderne, das komische Drama des pompösen Machtzentrums am Marx-Engels-Platz und bekommen eine wunderbare Analyse des Palastes der Republik. Über die Architekten nach dem Exil hätte man gern mehr gelesen.

Türme sind Träume - Der Killesbergturm von Jörg Schlaich; avedition, Ludwigsburg 2001; 98 S., Abb., 78,- DM
Was ein Turm ist? Ein Turm ist "eine vertikale Röhre. Sie wird durch ihre Eigenlast auf den Boden gepresst, während der Wind versucht, sie umzuwerfen." Der Turm, der sich nach jahrelangem Spendensammeln nun auf dem Stuttgarter Killesberg erhebt, hat aber eine Taille und ist ein filigraner Seilnetzturm, wie ihn zum ersten Mal der Russe Wladimir Schuchow 1929 gewagt hatte. Warum der Stuttgarter Aussichtsturm des Bauingenieurs Jörg Schlaich ähnlich, aber anders ist, was ihn so leicht und so elegant macht, warum überhaupt Türme uns reizen und die Landschaft schmücken, wird in diesem schönen, schmalen Buch mit großer Lust am erzählenden Erklären dargelegt.
Manfred Sack