Mittlerweile war es nun Anfang September 1804 geworden." Wer liebte ihn nicht, einen Satz wie diesen, so mittendrin, auf Seite 245. Wer seufzte da nicht, während draußen die Nebel kriechen und vor verblassendem Abend dicke Saatkrähen über die Hausgiebel schwanken. So spät schon, denkt man, das gelbe Licht der lieben Lampe zur Seite, so spät schon.

Ein ungewöhnliches, tatsächlich etwas herbstliches Buch! Zwei Wissenschaftler haben es geschrieben (und geschrieben sind ja nur die wenigsten Bücher deutscher Wissenschaftler): ein Literatur- und ein Geschichtskundler, aus der Schule des Bielefelder Historikers Hans-Ulrich Wehler. Es stellt die Biografie eines vergessenen Menschen dar, des Schriftstellers und Universitätsprofessors Christian August Fischer, geboren 1771 in Leipzig, gestorben 1829 in Mainz.

Man ist zunächst ein wenig ratlos, hat den Namen nie gehört. Ein verkanntes Genie, dessen Werk von bestürzendster Aktualität erst noch zu entdecken wäre, scheint er, das wird schon auf den ersten Seiten klar, nicht gewesen zu sein. Und doch genoss er seinerzeit durchaus eine gewisse Prominenz. Denn Fischer hatte - damit war er bekannt geworden - ein fünfhundertseitiges Reisebuch über Spanien veröffentlicht, 1799, als man sich hierzulande gerade erst ein bisschen für Spanien zu interessieren begann und wenige Deutsche je dort gewesen waren. Dazu, auch das mag bei dem einen oder anderen wahren Kenner wohl noch nicht völlig in Vergessenheit geraten sein, verfasste Fischer unter dem Pseudonym Christian Althing allerlei zärtliche Romänchen - "Ihr schöner Körper war kaum halb verhüllt, und sie glaubte sich unbemerkt ..." Piquant!

So schrieb er dahin. Jahr um Jahr produzierte er Kulturhistorisches, Geografisches, politisch Anregendes (anfangs mit kräftigen jakobinischen Kräutlein gewürzt) und sonstwie Erregendes, Bearbeitungen, Übersetzungen. Über siebzig Titel aus nicht mal vierzig Schaffensjahren führt die angefügte Bibliografie auf, und manch pseudonymes oder anonymes Werk seiner Feder wird der Recherche noch entgangen sein. Indes: keine exorbitante Strecke in jener Zeit - wie ja Fischers ganzes Leben Zeitbild ist.

Aus kleinen Verhältnissen stammend, früh verwaist, hatte er sich fleißig hochstudiert. Sein Stil war elegant, seine Mitarbeit an Journalen aller Art bald schon begehrt. Als sich ihm 1804 in Würzburg ein Lehrstühlchen bot, griff er zu. Es sollte der Glücksfall resp. der große Fehler seines Lebens werden.

Denn die strenge Wissenschaft war seine Sache nicht. Er stänkerte gegen Schelling und die Welt, stritt sich jahrelang mit den Behörden um die Scheidung seiner Ehe und geriet zuletzt auch noch mit dem klerikalreaktionären bayerischen Finanzminister auf das intriganteste über Kreuz, was ihm 1822 zwei Jahre Haft auf der Veste Marienberg einbrachte und ihn anschließend endgültig das Weite suchen ließ. Als Textfabrikant zwar immer noch geschätzt, doch reichlich verarmt, ist er bald darauf in Mainz gestorben.

In summa: kein Genie, kein Held. Und doch den Idealen des Großen Jahrhunderts treu. Im Gegensatz zu manchem Landsmann in Weimar, Jena oder Heidelberg hatte er auf seinen Reisen vom Baltikum bis Andalusien genug von Europa gesehen, um zu wissen, dass für den Kontinent die Stunde der Menschenrechte, des Völkerrechts, der Konstitutionen, der "Gesetzlichkeit" gekommen war und dass auch in Deutschland gegen die "geheimen Infamien" der herrschenden Herrchen auf Dauer allein eine selbstbewusste "Öffentlichkeit" half.