Subject: Kabul-Reise 18-12-01
From: Schwittek@t-online.de
Date: 18 Dec 2001 15:45 GMT

Liebe Freunde,

die Reise nach Kabul liegt hinter mir. Am Dienstagvormittag, dem 11.12., traf ich in Baghram ein, etwa 50 km noerdlich von Kabul. Die Rollbahn des Kabuler Flugplatzes war von einer Bombe getroffen worden, die jetzt einige Meter tief als Blindgaenger in der Erde steckt.

In Kabul erkannte der erste Blick wenig Veraenderungen. Erst am vierten Tag sah ich eine Frau, die ihr Gesicht nicht verschleiert hatte. Alle Maenner trugen Baerte, allerdings meist wohlgetrimmte. Musik hoerte man selten. Das lag wohl tagsueber am Ramadan und abends an der Kaelte um den Gefrierpunkt herum. Immerhin bieten schon einige Kinos Vorstellungen und die kleinen eisenverarbeitenden Betriebe in unserer Strasse, die sonst vornehmlich Wasserpumpen zusammenschweissten, haben sich alle auf den Bau von Satellitenschuesseln fuer das Fernsehen umgestellt.

In unserem Buero hoerte ich Gruende fuer die schleppende Entfernung der Baerte: Auf der Strasse von Kabul nach Jalalabad, so erzaehlt man sich, haette man sechs afghanischen Reisenden, die sich ihre Baerte ganz entfernt hatten, Nasen und Ohren abgeschnitten. In Sarobi werden weiterhin die Fahrzeuge angehalten und es wird ueberprueft, ob jeder einen taliban-islamischen Bart traegt. Hinzu kommen die Morde an vier westlichen Journalisten, die diese Strecke befuhren. Man raetselt, was auf das Konto versprengter Araber und was auf das von Afghanen aus der Gegend geht, denen die Weisheiten der Taliban ans Herz gewachsen sind. Maenner halten es fuer unehrenhaft, die Baerte schnell abzunehmen, seitdem das wieder moeglich ist. Dadurch wuerde man zugeben, dass man sich bisher dazu hat zwingen lassen, einen Bart zu tragen.

Ein Versuch der frisch ernannten Gesundheitsministerin Dr. Suheila Siddiqi, den Beginn der neuen Zeit zu erzwingen, brachte keinen vollen Erfolg. Die Ministerin hatte bisher ein Kabuler Krankenhaus geleitet. Sie lud alle Mitarbeiterinnen ihres ehemaligen Arbeitsplatzes in ihr Ministerium ein. Etwa fuenfzig Damen erschienen - alle verschleiert. Die Ministerin forderte dazu auf, die Schleier abzulegen. Die Frauen weigerten sich. Die Ministerin erklaerte, dass jede, die den Schleier ablege, 50 $ erhielte. Das Argument ueberzeugte. Zoegernd folgten die Frauen jetzt dem Wunsch der Ministerin. Nun forderte diese die Besucherinnen auf, unverschleiert in die Vorhalle zu treten, wo das Geld ausgezahlt werde. Sie taten es. Doch statt des Kassenwartes erschien dort ein Rudel Journalisten und begann begierig, die unverschleierten afghanische Frauen zu photografieren. Die Szene endete in Protesten und Tumult.

Der Einreisende sieht Afghanistan so, als seien die Machtuebernahme durch die bereits aufgestellte Uebergangsregierung und die beschlossene Stationierung der UN-Truppen schon erfolgt. Fuer ihn hat die Zukunft schon begonnen. Fuer diejenigen, die die letzten Wochen in Kabul verbracht hatten, zaehlt die Gegenwart. Die Taliban sind vertrieben. Schoen! Aber eine ziemlich undisziplinierte Soldateska hat die Stadt besetzt. Uebergriffe auf Frauen gab es noch keine. Aber gepluendert wurde haeufig. Verschiedene Warlords haben sich noch nicht mit den Verhandlungsergebnissen vom Petersberg abgefunden. Kein Wunder, dass man sich in Kabul noch nicht auf das einstellt, was hoffentlich kommt.