Wie dicke Würste in der Pelle liegen wir jetzt auf der Isomatte. Und bibbern. Drei mal vier Meter klein ist unser Schlafraum, weiß gekachelt. In den Wandregalen stehen ein paar Plastikbehälter mit eingefrorenen Stücken vom Schwein, Rind und Wild. Das Thermometer zeigt minus 18 Grad. Und als ob das nicht schon reichen würde, machen vier röhrende Ventilatoren so viel Wind - 40 Kilometer pro Stunde -, dass wir es minus 45 Grad kalt empfinden.

Eiskristalle am Schnäuzer

"Der Weg in die Arktis führt über Heinsberg", sagt Karl-Josef Metzmacher. In Heinsberg, nördlich von Aachen, veranstaltet der Polarprofi und Metzgermeister a. D. seit drei Jahren mehrtägige Intensivkurse für Arktiseinsteiger. Die Nacht in der Gefrierkammer, die vor uns liegt, ist nur eine von 45 Disziplinen. Dazu gehören auch das Eisbaden im zugefrorenen Baggerloch, Skisegeln, das Nähen von Wunden am toten Tier. Doch der größte Feind in der Arktis ist nun mal die Kälte. In der Gefrierkammer, in der der Metzgermeister früher tote Tiere lagerte, testen heute auch Ausrüsterfirmen und Outdoor-Läden neue Schlafsäcke auf Kältetauglichkeit.

"Mit Blutgruppe null kann man Kälte besonders gut aushalten", erzählt uns der Hausherr kurz vorm Einschlafen. Pech, hat keiner von uns drei Mitschläfern. Am Schnäuzer bilden sich schon kleine Kristalle, über der Stahltür hängen die ersten Eiszapfen. Metzmacher ficht die Kälte nicht an. Am liebsten liege er nackt im Schlafsack, sagt er, jetzt trägt er, wohl unseretwegen, eine lange schwarze Unterhose. Die Lippen könne man einziehen, die Finger müsse man in Achselhöhlen und im Genitalbereich aufwärmen, doziert er. "Nach jeder Expedition wachsen mir neue Nägel an einigen Zehen." Kollateralschäden der Eiseskälte. Na denn, gute Nacht!

Und tatsächlich, die Outdoor-Ausstatter verstehen etwas von ihrem Fach. Trotz Minusgraden haben wir alle in den Schlaf gefunden - und werden am Morgen vom plötzlich aufflackernden Neonlicht geweckt. Eine heiße Dusche, dann tauen wir bei knusprigen Brötchen und Kringeln warmer Fleischwurst im kuscheligen Wohnzimmer der Familie Metzmacher endgültig wieder auf.

Graumelierte Haare, flinke Augen im Kauzgesicht, kräftige Statur und Fleischerhände - so sitzt uns der 62-jährige Metzgermeister beim Frühstück gegenüber. Metzmacher weiß, wovon er redet und was er zeigt. Schon der kleine Karl-Josef wünschte sich nichts sehnlicher, als einmal mit Eskimos zu leben. Aber erst 1979, mit 38 Jahren, erfüllte er sich den Jugendtraum, legte mit Eskimos und Schlittenhunden 600 Kilometer an der Westküste Grönlands zurück. 25 Expeditionen, darunter 6 eigene, hat der gebürtige Sauerländer seitdem mitgemacht, nach Grönland, Lappland, Spitzbergen. Mit den Großen der Kälteszene wie Arved Fuchs und Reinhold Messner ist er auf du und du. Und beliefert sie und andere Draufgänger mit dem Nahrungskonzentrat Pemmikan.

Nachdem ihm bei einer Grönlandexpedition im Schneesturm der Proviantschlitten verloren ging und er sich drei Tage von geschmolzenem Schnee "ernähren" musste, schwor sich der gelernte Metzgermeister "Nie mehr ohne Notration!". Also variierte er Pemmikan, ein altes Überlebensmittel der nordamerikanischen Ureinwohner, zu einem unansehnlichen, aber kalorienreichen Konzentrat aus Rind- und Schweinefleisch, jungem Gemüse, Beeren und Gewürzen. Zwar ist in der Arktis der Hunger nicht so schlimm wie die Kälte, doch nicht überall sind Seehunde oder Fische so schnell aufzutreiben. Und bei minus 40 Grad braucht der Normalgewichtige 6000 Kalorien, der 100-Kilo-Mann sogar doppelt so viele Kalorien am Tag.