Die Patienten hören die Botschaft gern. Sie gehören einem Beruf an, der an Überforderung leidet. Die Klinik Roseneck behandelt im Jahr rund 1000 Patienten. Rund 15 Prozent davon sind Lehrer - die einzige Berufsgruppe, die hier auffällig wird. Nicht Manager, nicht Menschen aus sozialen Institutionen werden derart gehäuft hier eingewiesen. Mehrere hundert Pädagogen stehen auf der Warteliste der Spezialklinik. Kein regionales Phänomen, es verdeutlicht den Status eines ganzen Berufsstandes: Bundesweit erreichen rund 50 Prozent der Lehrer nicht das normale Pensionsalter.

Der charakteristische Typ, der in die Klinik in der Postkartenidylle am Chiemsee kommt, ist 50 bis 60 Jahre alt, hofft überwiegend auf Frühpensionierung und hat seine Krankengeschichte fest im Kopf: Depressionen, Rückenschmerzen, Magenbeschwerden oder Bauchweh. Darüber sprechen die Lehrer hier mit einer verblüffenden Geläufigkeit, sprengen jedoch selten die bekannten Stereotype, wenn sie die Ursachen nennen: verhaltensauffällige, konzentrationsarme, renitente, unmotivierte Schüler. Wer dies berichtet, ist des Kopfnickens aller sicher, die hier im freundlichen Speisesaal als Betroffene mit am Tisch sitzen, fühlt sich vorab sichtlich des Kopfnickens des Gastes sicher und kann mit dem Kopfnicken des größten Teils der Nation rechnen. Wie kein anderer Berufsstand in Deutschland haben die Lehrer es in den vergangenen Jahren hingekriegt, dass ihr Leiden gesellschaftlich anerkannt ist.

Das Übliche seit langem also. Und es sei noch schlimmer geworden. Eine zunehmend durchgängig verwahrloste Jugend, Vandalismus, eine verunsicherte Gesellschaft, die ihres Nachwuchses nicht mehr Herr wird. Kulturpessimismus rundherum, zum Leiden noch ein bisschen mehr ermunternd. Kein Wort davon, dass eine sich wandelnde Gesellschaft auch viele positive Aspekte zeigt, etwa die fleißigen, strebsamen, zielorientiert lernenden Studenten an den Universitäten. Vertrackt, warum fällt nie jemandem diese Unstimmigkeit auf, dass aus angeblich so grauenhaften Kindern plötzlich stromlinienförmige Studiosi werden?

Der Feind sitzt also draußen. Für Josef Kornprobst hockt er in einer Dorfschule in der Nähe von Rosenheim. Dort ist er seit 1984 Förderlehrer, eingesetzt in verschiedenen Klassen. In kaum verständlichem Bayerisch spult er ab, was ihn bedrängt - Angst, Schweißausbrüche, freche Schüler, Arthrose, Tinnitus, mobbende Kollegen, Intrigen des Chefs, Erschöpfung, Schmerzen, Klappmesser in der Klasse. Kornprobst ist 49 Jahre alt, wirkt wesentlich älter. Nur wenn er von seinem Privatleben spricht, von der hoffentlich nahen Frühpensionierung, die nur elf Prozent Kürzung gegenüber der vollen Rente mit sich bringt, schießt Blut in sein Gesicht, die Augen leuchten vor Freude, und er sagt strahlend: "Ich hab gerade eine junge Frau aus Thailand geheiratet. Wir wollen zwei bis drei Kinder." Die sollen anders werden als seine Schüler, brav und vor allem gehorsam.

Wie man sich so etwas heranzüchtet, hat Kornprobst "als Machthaber" 13 Jahre lang bei der Bundeswehr gelernt. "Da hatte man noch disziplinarische Mittel, Strafen, Sanktionen an der Hand. Da war man noch Chef." Dass Pädagogik heute Macht durch Klarheit, Grenzsetzung und Zusammenarbeit ersetzen möchte, hat er nicht lernen können. Von der Volksschule ging's zur Bundeswehr, dann auf Umwegen zum Förderlehrer. Kornprobst ist zum wiederholten Mal hier in der Klinik, seit Jahren kämpft er um seine Frühpensionierung, bisher vergebens. Das ist jetzt allemal wieder einen Wutanfall wert. Dass der Staat ein berechtigtes Interesse daran hat, genau zu überprüfen, ob hier Krankheit oder Drückebergerei vorliegt - immerhin zahlt er Milliarden für jene Hälfte seiner Lehrer, die nicht das Pensionsalter erreichen -, das ist nicht das Ding von Kornprobst. Der Staat habe schließlich eine Fürsorgepflicht, "Vater Staat". Nie davon gehört, dass der Staat die Vaterrolle schon längst abbaut, weil er nicht mehr will und vor allem nicht mehr kann.

Er, wie die meisten Lehrer-Patienten hier in der Spezialklinik, ist nicht freiwillig hierher gekommen. Alle sind zu ihrem Hausarzt gegangen, haben von ihren Beschwerden berichtet, sind zum Neurologen geschickt worden, und der hat einen Klinikaufenthalt für nötig befunden. Mindestens sechs Wochen Chiemsee, Verlängerung durchaus die Regel. Hier sollen sie aufgepäppelt werden zu möglichst stabilen Persönlichkeiten. Die Krankenkassen bezahlen mindestens 500 Mark pro Tag und Patient. Einen Auftrag, diese Lehrer und Lehrerinnen wieder arbeitsfähig zu machen, hat die Klinik nicht. Sie kann ihn nicht haben. Das liegt in der Natur der Psychotherapie. "Gegen den Willen der Patienten können wir nichts ausrichten", sagt Oberarzt Christian Ehrig knapp, klar und fachlich korrekt.

Kann man hier Drückeberger erkennen? Eine heikle Frage