Am Donnerstag stehe ich wie immer um fünf Uhr auf und beginne um halb sechs mit der Meditation, danach ist die heilige Messe. Dann frühstücken wir schweigend - wenn nicht gerade Festtag ist oder eine Schwester Geburtstag hat. Ich finde es schön, nach der Messe noch eine stille Zeit zu haben. Auch im Kloster ist vieles mit Hektik verbunden, man muss immer auf die Uhr schauen. Mittags folgen Chor- und Psalmgebet, und wir meditieren wieder. Am späten Nachmittag beten wir den Rosenkranz, anschließend die Vesper. Das Abendessen ist um halb sieben. Dann spülen wir gemeinsam ab und beten. Der Tag endet nach der Tagesschau in der ARD.

Am Freitag ist das Kloster wegen der Reisevorbereitungen geschlossen. Wir sind 59 Schwestern, mehr als die Hälfte davon fährt nach Rom. Als Crescentia hier 1741 zur Oberin gewählt wurde, ging es beschaulicher zu. Damals wohnten hier 19 Schwestern, und nur wenn eine starb, durfte eine neue eintreten. Crescentia stand lange auf der Warteliste: Sie war arm und das Kloster auf die Mitgift der Schwestern angewiesen. Aber sie setzte sich durch und blieb ihren Prinzipien treu. Sie wird heilig gesprochen, weil Gott durch ihre Fürsprache Wunder bewirkte: Man sagt, sie konnte Wasser in einem Sieb tragen, ohne einen Tropfen zu verschütten. Und als vor ein paar Jahren ein Mädchen fast ertrank und 40 Minuten bewusstlos unter Wasser war, beteten die Eltern zu Crescentia. Das Mädchen erwachte zum Leben und ist völlig gesund. Die Ärzte halten das für ein Wunder.

Am Samstag fliege ich nach Rom. Wir reisen mit einer großen Delegation an: In meinem Flugzeug sitzen über 260 Leute, in einem anderen 240, und am Pilgerzug nehmen 780 Menschen teil. Außerdem fahren zig Busse zur Heiligsprechung. In Rom gehe ich sofort zur Basilika Sankt Peter im Vatikan, um bei den Vorbereitungen dabei zu sein. Was genau zu tun ist, weiß ich nicht. Um 17 Uhr feiern wir einen Vorbereitungsgottesdienst.

Der Sonntag ist der große Tag: Am Vormittag wird Crescentia heilig gesprochen: Der Heilige Vater liest ein Dekret, und dann feiern wir einen festlichen Gottesdienst. Zumindest stelle ich mir das so vor - so hat man's ja auch schon im Fernsehen gesehen. Wahrscheinlich bin ich danach zu einem großen Mittagessen in einem Hotel geladen. Viel Zeit für anderes wird nicht bleiben.

Montag früh ist in der Basilika Maria Maggiore ein Dankgottesdienst, und danach haben wir die Audienz beim Papst. Ich bin seit elf Jahren Oberin des Franziskanerinnenkonvents in Kaufbeuren und sehe den Heiligen Vater schon zum dritten Mal. Beim letzten Treffen durfte ich ihm sogar die Hand geben. Wie eine Audienz abläuft, ist auch für mich neu, ich lasse mich einfach überraschen und bin auf die Räumlichkeiten gespannt. Am Nachmittag fliege ich zurück nach Deutschland.

Dienstag Morgen schlafe ich etwas länger, vielleicht bis sechs Uhr. Beim Frühstück reden wir ausnahmsweise, und ich erzähle den anderen Schwestern, was in Rom passiert ist. Danach sind wir zurück im Alltag, und ich habe wieder Ruhe zum Beten. Wir werden unseren Tagesablauf nicht ändern, wenn Crescentia heilig gesprochen ist. Unser Kloster ist sehr bekannt geworden: Es kommen immer mehr Wallfahrer und Gruppen. Sie beten, besichtigen die Gedenkstätte und wollen alles über Crescentia wissen. Die Leute wollen Reliquien, Kerzen und kleine Andachtsgegenstände. Dicke Bücher kaufen die Wallfahrer aber nicht, denn die Wanderung geht ja noch weiter.

Am Mittwoch sind die Ereignisse in Rom sicher noch das Hauptthema. Aber vielleicht komme ich abends dazu, Handarbeiten zu machen. Wir organisieren regelmäßig einen Basar zugunsten von Schulklassen in Südamerika oder einen Missionsflohmarkt in Sankt Ottilien. Ich mache dafür gerne Sachen aus Wollresten oder sticke etwas. Damit klingt der Tag dann aus.