Auf dem Fensterbrett steht neuerdings ungewohnte Lektüre: zwei dicke Aktenordner, Gesammelte Ansprachen der Max-Planck-Präsidenten von 1948 bis 1997. "Das ist höchst effizienter Lesestoff", freut sich Peter Gruss. "Gleich in der ersten Rede habe ich ein Zitat von Theodor Heuss gefunden, das ich in meinen jüngsten Vortrag einbauen konnte."

Historische Tiefe wird der 52-jährige Entwicklungsbiologe in Zukunft noch öfter brauchen. Denn Gruss soll führender Repräsentant der deutschen Forscher werden, Herr über 82 exzellente Forschungsinstitute, 11 500 Beschäftigte und zwei Milliarden Mark Budget. Peter Gruss ist der einzige Kandidat, der an diesem Freitag zur Wahl des neuen Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) steht. Stimmt der MPG-Senat zu - niemand zweifelt daran -, tritt Gruss die Nachfolge von Otto Hahn, Adolf Butenandt oder Hubert Markl an.

Diese Wahl ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Zum einen wird damit ein Forscher ins Rampenlicht gestellt, der bislang öffentlich kaum in Erscheinung getreten ist. Zum anderen gewinnt ausgerechnet jetzt, auf dem Höhepunkt des Streits um die embryonalen Stammzellen, ein Verfechter dieser Forschung Macht und Einfluss. Noch vor wenigen Wochen bekannte Gruss, er würde "am liebsten morgen mit der Forschung an menschlichen Embryonalzellen beginnen". Würde er dies als MPG-Präsident auch so sagen?

Solche Fragen beantwortet Peter Gruss mit freundlicher, selbstsicherer Eloquenz. "Zunächst möchte ich klarstellen: Ich bin kein Stammzellforscher, sondern in erster Linie Entwicklungsbiologe. Ich bin an einem grundsätzlichen Verständnis der Abläufe in der Zelle interessiert. Wenn sich daraus allerdings die Möglichkeit einer Therapie eröffnet, sollte man dies wahrnehmen." Diese Überzeugung wird er sicher auch in sein neues Amt mitnehmen. Gleichwohl weiß Gruss natürlich, dass die Stammzellforschung tief sitzende Ängste weckt. Auf diese Bedenken werde er als Präsident der MPG mit großer Sensibilität reagieren.

Wird er gewählt, bleibt ihm eine Übergangszeit von einem halben Jahr. Erst im Juni nächsten Jahres soll er Hubert Markl ablösen. Dann wird er sich daran gewöhnen müssen, seine Aussagen sorgfältig zu filtern. Doch noch hat sich Gruss seine Ungezwungenheit bewahrt, noch redet er frei. So ist er beispielsweise überzeugt, dass die Stammzellforschung derzeit vielfach zu sehr "Trial and Error" sei und ohne entwicklungsbiologisches Grundlagenverständnis nicht weiterkomme. Ebenso vehement vertritt er eine Ethik des "moralischen Pragmatismus", die sich nicht an fundamentalistischen, sondern an "lebensnahen" Prinzipien orientiere, die gesellschaftlich akzeptiert seien.

Pragmatismus, das ist für Gruss ein Schlüsselbegriff. Anders als sein Vorgänger Markl, der gerne mit umfassender Bildung und ausgefeilter Rhetorik brillierte, liebt der Neue den unkomplizierten Stil amerikanischer Prägung. Lässig im Auftreten, unkompliziert im Umgangston, vermittelt Gruss seinen Zuhörern vor allem eines: die Begeisterung des Spitzenforschers. Spricht man ihn auf seine Arbeit an - die Suche nach jenen "Schaltergenen", die für die Bildung von Organen wichtig sind -, hält er aus dem Stegreif einen enthusiastischen Vortrag.

Doch wird er auch die großen Fußstapfen, die seine Vorgänger bei der MPG hinterlassen haben, ausfüllen können? Hubert Markl hatte, bevor er die MPG-Präsidentschaft übernahm, nicht nur die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), sondern auch die Berlin-Brandenburgische Akademie geleitet. Solche Erfahrungen auf großer wissenschaftspolitischer Bühne fehlen Gruss. Zwar sitzt er beispielsweise im Lenkungsgremium des Nationalen Genomforschungsnetzes und muss als Vorsitzender des Europäischen Laboratoriums für Molekularbiologie die Interessen eines guten Dutzends Mitgliedsländer unter einen Hut bringen. Dennoch fragt sich so mancher in der MPG-Zentrale, ob der Neue die Bürde seines Amtes auch schultern kann. Immerhin ist die MPG, die 15 Nobelpreisträger hervorbrachte, das Aushängeschild der deutschen Spitzenforschung und - neben der DFG - das wichtigste wissenschaftliche Gremium hierzulande. Gruss lässt sich von derartigen Befürchtungen nicht einschüchtern: "Wissenschaft und Politik haben etwas sehr Vergleichbares - man muss bei beiden ungeheuer praktisch denken."