Die Menschen seien "unheimliche Leute", klagte Erich Kästner Ende November 1945 nach einem Besuch des Internationalen Militärgerichtshofes in Nürnberg: Wer seine Schwiegermutter totschlage, werde geköpft, wer aber Hunderttausende umbringe, erhalte ein Denkmal. Doch diesmal lief die Geschichte anders. Den prominenten Angeklagten wurde der Tod von Millionen zur Last gelegt, und sie erhielten den Prozess. Das internationale Gericht war etwas Neues in der Geschichte der Menschheit und zog aus aller Welt Scharen von Reportern an, darunter berühmte Schriftsteller und Autorinnen. In den Spitzenzeiten des fast ein Jahr dauernden Hauptprozesses gegen Göring und andere tummelten sich über 350 ausländische Journalisten im Gericht, die deutsche Lizenzpresse durfte gut 20 Vertreter entsenden.

Steffen Radlmaier, Feuilletonchef der Nürnberger Nachrichten, hat die Berichte und Erinnerungen nun erstmals zusammengestellt, er schreibt emphatisch vom Nürnberger Lernprozeß. Denn alle Beteiligten, auch die Vertreter der Weltöffentlichkeit, lernten 1945/46 in der einstigen Stadt der Reichsparteitage, die den NS-Rassegesetzen den Namen gegeben hatte, etwas über Politik und Verbrechen, Verantwortung und Lebenslüge, Schuld und Sühne. Doch war dem wirklich so? Für die Engländerin Rebecca West war der Gerichtssaal nach elf Monaten eine "Hochburg der Langenweile", das Symbol von Nürnberg sei ein "Gähnen". Den polnischen Korrespondenten Edmund Osmaºczyk machten die Nürnberger Prozesse "zornig", besonders die Angeklagten. Sie blieben ja doch was sie seien, nämlich Mörder, und Millionen Deutsche, die an den Verbrechen teilgenommen hätten, würden durch die Prozesse kaum ihre Überzeugung ändern.

Eine verständliche Verbitterung, doch etwas hat das Tribunal bei den Deutschen bewirkt: die endgültige Entzauberung der einst so mächtigen Angeklagten. Auf Peter de Mendelssohn - der Emigrant schrieb aus Nürnberg für The Nation - wirkten sie "irgendwie unproportioniert", verglichen mit dem von ihnen verursachten unermesslichen Leid: "eine zerlumpte, abgestumpfte, zusammengewürfelte Gruppe zweitrangiger Charaktere". Die Admirale Dönitz und Raeder erinnerten Mendelssohn an "zwei arbeitslose Straßenbahnschaffner", Göring in seiner Uniform an einen "Platzanweiser im Kino".

Unwillkürlich denkt man an Hannah Arendts Bericht von der Banalität des Bösen, den sie später über den Eichmann-Prozess in Jerusalem verfasste. Die von Radlmaier gesammelten Impressionen über das Nürnberger Tribunal hätten ihr gefallen. Aus ihnen geht auch einiges über das Leben in der zerstörten Stadt hervor. Die Deutschen hausten vielfach in Kellern, in einer Stadt unter der Stadt. Die internationale Presseschar dagegen war von den Amerikanern in dem Faber-Castell-Schloss in Stein bei Nürnberg untergebracht. Abends amüsierte man sich im Grand Hotel, dem früheren "Hotel Reichsparteitag", während sich draußen Kinder und Krüppel auf jede weggeworfene Zigarettenkippe stürzten. Militärpolizei und Drehtüren trennten zwei Welten voneinander.

Eine dritte Welt existierte in dem Gefängnis, in dem sich die Angeklagten mit dem Prozess und seinem Ausgang beschäftigten. Die zum Tode durch den Strang Verurteilten wurden auf ihrem letzten Weg zum Galgen von dem amerikanischen Journalisten Joseph Kingsbury Smith beobachtet. Ein ausführlicher, nüchterner Bericht ohne Gefühle - er löst auch keine mehr aus. Warum? Gregor von Rezzori, in Nürnberg für den Nordwestdeutschen Rundfunk dabei, schrieb einmal, ein Mord sei entsetzlich, der Mord an zehn Menschen ungeheuerlich, an hundert fast unvorstellbar, an mehreren Millionen aber ein Abstraktum, das den Mörder in kein nachvollziehbares Verhältnis mehr zu seiner Tat bringe. Eine gerechte Strafe sei gar nicht denkbar, die Kausalität von Schuld und Sühne aufgehoben.

Diese Anthologie konkurriert nicht mit wissenschaftlichen Abhandlungen über das erste Weltgericht. Sie ist eine Quelle eigener Art. Es geht um Fragen der Schuld, um die Heuchelei von Siegern, den Sinn großer, internationaler Prozesse, den Charakter von Staatsverbrechern und ihren Richtern in Roben und auf der Pressebank. Auf Den Haag blicken wir jetzt mit geschärfter Aufmerksamkeit.

Der Nürnberger Lernprozeß.
Von Kriegsverbrechern und Starreportern:
zusammengestellt und eingeleitet von Steffen Radlmeier.
Die Andere Bibliothek, Eichborn Verlag,
Frankfurt am Main 2001,
320 S., 49,50 DM.