Jeruslaem

Mein aufschlussreichstes Gespräch über den Nahost-Konflikt habe ich nicht mit einem Politiker oder mit einem Journalisten geführt, sondern mit einem liebenswürdigen palästinensischen Pfarrer der anglikanischen Kirche. Naim Ateek gehört der Gruppe Sabeel an, die eine palästinensische Version der Befreiungstheologie propagiert. Im Laufe einer langen freundlichen Unterhaltung vor etwa zwei Jahren einigten wir uns darauf, dass ein rein politisch-pragmatischer Umgang miteinander unseren beiden Völkern nicht weiterhelfen kann. Damit Frieden möglich werde, meinten wir beide, sei vielmehr etwas nötig wie ein "Dialog der Herzen". In diesem Geiste räumte ich ein, dass wir Israelis unsere Verfehlungen gegenüber den Palästinensern öffentlich eingestehen sollten. Was, fragte ich, könne Pfarrer Ateek seinerseits anbieten, um meinem Volk die Gewissheit zu geben, dass wir uns gefahrlos auf die engen Grenzen Israels von 1967 zurückziehen können - ein Schritt, mit dem wir uns angreifbar und verletzlich machen würden.

"Es gibt überhaupt nichts, womit wir euch Gewissheit geben könnten", sagte er darauf - und führte zur Begründung folgende historische Analogie an: Als David Ben Gurion und Konrad Adenauer in den frühen fünfziger Jahren über das deutsch-israelische Entschädigungsabkommen verhandelten, habe niemand vom Premierminister Israels erwartet, dass er dem deutschen Bundeskanzler irgendwelche Zugeständnisse mache. Die Deutschen waren die Mörder gewesen und die Juden die Opfer. Das Einzige, worüber verhandelt werden konnte, war folglich der Umfang der Entschädigung.

"Sind wir also eure Nazis?", fragte ich.

"Jetzt haben Sie mich verstanden", antwortete er lächelnd.

Von Anfang an sind die palästinensisch-israelischen Friedensbemühungen von ihrer Asymmetrie belastet gewesen. Zwischen der Macht Israels und der Ohnmacht der Palästinenser liegt eine Kluft, die nur durch handfeste israelische Zugeständnisse und - im Gegenzug - palästinensische Friedensversprechen geschlossen werden kann. Kurz gesagt: Land für Worte. Doch die tiefste und unauflösbarste Asymmetrie von allen ist eine psychologische: Es ist die Asymmetrie des Selbstmitleids. Die Palästinenser nehmen sich noch immer ausschließlich als Opfer wahr - unschuldig daran, dass der Konflikt bis heute andauert, und ohne eigene Verantwortung dafür, den Streit endlich zu beenden. Weil es die Geschichte mit den Israelis besser gemeint hat, sehen sie, dass die Wirklichkeit weit komplexer ist. Bis auf eine Minderheit ganz rechts im politischen Spektrum sind die meisten Israelis der Ansicht, dass Recht und Unrecht in diesem Konflikt auf beide Seiten verteilt ist.

Abschied von "Großisrael"