"Grüne unterstützen Joschka Fischers Politik", titelt die "Süddeutsche Zeitung", "Grüne sagen Ja zum Militäreinsatz", macht daraus die "Frankfurter Rundschau" und das "Handelsblatt" headlined "Grüne stehen zur Koalition". Mehr Interpretation wagt die "Welt" und textet "Grüne wenden 'Exitus' ab", die "tageszeitung" schreibt "Grüne opfern Pazifismus", und der "Tagesspiegel" druckt im Aufmacher etwas, das nach Entschuldigung klingt: "Roth: Wir sind keine Opportunisten". Ist schon okay, Claudia, sonst hätten wir ja heute nicht so viel zu schreiben. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass die "Frankfurter Allgemeine" sich dem Grünen-Parteitag zumindest im Aufmacher verweigert und "Afghanische Taliban verlassen Kundus. Schicksal der ausländischen Söldner unklar" zur Schlagzeile macht. Dass "Bild" nach dem gestrigen Absturz einer mit Prominenz bepackten Crossair-Maschine bei Zürich "Der Todesflug der Popstars" in größten Lettern bringt, war ohnehin abzusehen.

Parteitag sagt Ja zu Rot-Oliv: Grüne gegen Grüne.

Sie werden sich nicht scheiden lassen, höchstens ein bisschen entzweien. So klingt der Tenor der meist ausführlichen Kommentare zum Grünen-Parteitag am vergangenen Wochenende. Und es sind wirklich außergewöhnlich schöne Sätze darin zu finden. Auf dem ersten Platz steht eindeutig eine romantische Metapher, die Vera Gaserow und Knut Pries in ihren Beitrag für die "Frankfurter Rundschau" eingebaut haben: "Die grüne Friedenstaube hat diesen Parteitag überlebt, aber sie sitzt im Käfig." Auf Platz zwei dieser sehr subjektiven Parade landet eine Betrachtung von Eckart Lohse, die es geschafft hat, im Titelkommentar der "Frankfurter Allgemeine" abgedruckt zu werden: "Die Grünen brachten Tage und Nächte damit zu, den eigenen Bauchnabel zu bestaunen, und fanden sich dabei auch noch großartig". Aber, wer wird denn so streng sein - es ist schließlich auch etwas dabei herausgekommen. "Der Parteitag von Rostock hat der grünen Partei Klarheit gebracht", schreibt Heribert Prantl in einem Kommentar für die "Süddeutsche Zeitung". "Er gibt angesichts der unerwarteten Deutlichkeit der Abstimmungsergebnisse, der Partei und der Fraktion den 'Frieden wieder für die praktische Politik'." Das allerdings hat seinen Preis. "Diese Entscheidung markiert eine Zäsur, denn die Partei kappt damit endgültig ihre Wurzeln zur Friedensbewegung", bemerkt Daniel Goffart im "Handelsblatt". Aber was hätten die Grünen denn auch anderes tun sollen? Die bereits vom Bundestag beschlossene Militäremission abzulehnen, hätte das vorzeitige Ende der rot-grünen Koalition bewirkt. Und das ist schließlich nicht im Interesse der Partei, "weil sie ihren Joschka Fischer nicht verlieren und damit die Regierungsmacht verlieren will", wie Heribert Prantl glaubt. Wurde also doch wieder nur die Ideologie auf dem Altar der Machterhaltung geopfert? Nein, meint Hans Monath im "Tagesspiegel", die "Angst vor den harten Bänken der Opposition war für die überraschend klare Entscheidung nicht ausschlaggebend." Viel eher sei es die Erkenntnis gewesen, dass den Einsatz von Militär nicht ausschließen kann, wer in der Regierung des größten europäischen Landes Außen- und Sicherheitspolitik gestalten und mitverantworten will. Doch ständige Anpassungsprozesse dieser Art kosten nicht nur Kraft, sie gehen "auch zu Lasten der Originalität und der eigenen Ansprüche", meint Daniel Goffart im "Handelsblatt". Wie dem auch sein: Fest steht, die Grünen haben ihrer Galionsfigur Joschka Fischer neun Monate Zeit bis zur nächsten Bundestagswahl gegeben, um den Sturmlauf deutscher Außenpolitik fortzusetzen. "Was dann folgt, weiß keiner", schreibt Heribert Prantl. "Heulen und Zähneknirschen vielleicht, Reue wegen Rostock?".

Afghanistan-Konferenz: Reden um die Macht im Land

"Treffen sich zwei Afghanen, führen sie eine lange Debatte; treffen sich drei Afghanen, gibt es handfesten Streit" Stimmt diese afghanische Redensart, wird es bei der Konferenz auf dem Bonner Petersberg hoch her gehen. Denn mindestens dreißig Afghanen unterschiedlicher Parteien sollen sich schon vor einem Waffenstillstand möglichst rasch auf eine Übergangsregierung für ihre vom Krieg zerrissene Heimat einigen. "Ob die einzelnen Parteien mit Vorstellungen nach Deutschland kommen, die Hoffnung auf eine Entscheidung nähren, ist fraglich", lautet ein Kommentar der "Frankfurter Allgemeinen". "Es sieht vielmehr so aus, als wolle jede im Grunde nur soviel Macht wie möglich für sich selbst." Immerhin glücklicherweise ein Prinzip, dass westlichen Regierungen auch nicht völlig unbekannt ist. "Schon, wenn keine Delegation frühzeitig abreist, wäre die Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg ein Erfolg", schreibt zum gleichen Thema die "Frankfurter Rundschau" und versucht, ein wenig Humor ins Spiel zu bringen. "Aus den wichtigsten handelnden Personen, die eine neue Ordnung in Afghanistan schaffen wollen, könnte man zwei Fußballmannschafen machen - und dabei für jede Rückennummer eine eigene Rolle (das heißt Interessenslage) definieren." Die "Frankfurter Rundschau" stellt deshalb auf Seite zwei ihre engere Auswahl der Rivalen im Machtspiel um die künftige Herrschaft in Afghanistan vor. Womit ja wohl mal wieder klar ist: Wichtig ist nur auf'm Platz.

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