Nein, stopp: "Die Schlagzeilen". Nahezu jedes Blatt macht heute mit dem amerikanischen Einmarsch in Afghanistan auf. Die "Frankfurter Rundschau" berichtet nüchtern "US-Bodentruppen vor Kandahar", die "Welt" textet martialisch "Neue Kriegsphase: US-Marines kreisen Bin Laden ein". Allein der "Tagesspiegel" setzt das zweite große Thema des Tages an Top 1, die jüngsten gentechnischen Experimente: "Wissenschaftler: Klonen als Therapie völlig unrealistisch". Das "Handelsblatt" warnt in seinem Leitartikel "Firmengewinne brechen ein", und die "Bild" schaut mal wieder unter deutsche Bettdecken: "Hitfeld und das schöne Model". Ein zweckfreiere Schlagzeile ist heute nicht zu finden.

Homunculi ante portas?

"Die Welt im Jahre 2060. Die Behandlung mit Stammzellen ist längst zum Alltag geworden. Die Menschen leiden deshalb weniger unter chronischen Krankheiten, unter Diabetes und Parkinson, unter Lähmungen, Herzkrankheiten und Immunstörungen. Die Lebenserwartung ist gestiegen, die körperliche und geistige Frische bis ins hohe Alter gegeben. Der Jungbrunnen sprudelt im Biolabor: Stammzellen, gewonnen aus dem therapeutischen Klon. Eine persönliche Lebensversicherung für jedermann."

Die Nachricht, die den "Tagesspiegel"-Redakteur Hartmut Wewetzer zu dieser Vision inspirierte, kommt aus den USA. Forschern der Firma ACT ist es gelungen, das Genmaterial eines erwachsenen Mannes in entkernten Eizellen einzuspeisen und diesen Klon weiterzuentwickeln. Sieben Mal teilten sich die Zellen bevor das Gebilde abstarb. Ziel des Versuches war es nach Angaben von ACT, Stammzellen des Spenders heranzuzüchten. Aber damit reißen die technischen Möglichkeiten noch nicht ab. Zumindest theoretisch denkbar ist es, den Klon austragen zu lassen. Dann besäße die Menschheit nicht nur Dolly sondern auch Olli, die erste humanoide Zweitausgabe. Aber ist diese Entwicklung wirklich realistisch? Holger Wormer von der "Süddeutschen Zeitung" ist äußerst skeptisch. Für ihn ist die Meldung von der vermeintlichen wissenschaftlichen Sensation nur ein fadenscheiniges, taktisches Manöver. "Kein Zufall, dass die jüngste Nachricht vom Klon-Embryo, gekoppelt mit Heilsversprechen, passend zur US-Debatte über ein umfassendes Klon-Verbot kommt. Dabei zeigt das wissenschaftlich dürftige Experiment gerade, wie weit Forscher von Embryonen als Heilmittel entfernt sind".

Alle anderen Kommentatoren nehmen die Nachricht wieder einmal zum Anlass, grundsätzlich über die Biopolitik in Deutschland zu räsonieren. Überraschenderweise sind sie sich im Großen und Ganzen einig, von der "tageszeitung" bis zur "Welt": Das Klonen von menschlichem Genmaterial zum Zweck der Fortpflanzung sollte verboten werden, über die Gewinnung von Stammzellen zur Krankheitsbekämpfung müsse man reden. Hintergrundseiten zum Thema liefern heute der "Tagesspiegel" (S.2) und die "Welt" (S.10), "Süddeutsche Zeitung" und "Frankfurter Allgemeine" berichten ausführlich im Feuilleton.

Wirtschaft in der Krise?

In den USA ist das Bruttoinlandsprodukt in zwei aufeinander folgenden Quartalen gesunken. Das bedeutet, dass sich das Land nun offiziell in einer Rezession befindet. Panische Reaktionen sind in den Tageszeitungen allerdings nicht zu finden. "Der Aufschwung wird kommen, auch dafür sorgt schon Amerika", heißt es in dem erstaunlich gelassenen Kommentar der "Frankfurter Allgemeinen". Dennoch sei es eine Schande, dass Deutschland wirtschaftlich derzeit das ökonomische Schlusslicht in Europa sei. "Im Kern liegt das Elend daran: Die Eigenverantwortlichkeit als eine der Grundlagen der Marktwirtschaft ist in Vergessenheit geraten. Es wird zuviel umverteilt. Deswegen sind Steuern, Abgaben, Staatsausgaben und Staatsdefizite zu hoch. Daher wiederum bleibt von den zu erwirtschaftenden Renditen zuwenig, um Deutschland zu einem Standort zu machen, an dem sich unternehmerisches Wagnis beweisen will und kann."