Lange spielte Familienpolitik in Deutschland eine untergeordnete Rolle, gehörte jedenfalls nicht zu den Themen, mit denen eine Partei sich als progressiv profilieren konnte. Familie war, trotz aller anders lautenden Beteuerungen, Privatsache. Dies ändert sich gerade, und zwar just mit der Rasanz, mit der der "demografische Wandel" von einer statistischen Größe zur Alltagsbeobachtung wird.

Kindergärten und Schulen konkurrieren um jedes einzelne Kind - jedenfalls dann, wenn den Einrichtungen nicht sofort aus Einspareifer Stellen gestrichen werden. Die Geburtenrate ist von 2,02 Kindern pro Frau im Jahr 1970 auf 1,37 Kinder in den Neunzigern gesunken. Und die Gesellschaft fängt an zu ahnen, was das bedeutet.

Beide großen Volksparteien versuchen gegenwärtig, eine Politik zu entwerfen, die den Trend zur Kinderlosigkeit, zur immer späteren und spärlicheren Elternschaft aufhalten kann. Die Sozialdemokraten wollen mit ihrem Leitantrag zum Bundesparteitag in Nürnberg ("Kinder-Familie-Zukunft") ihre familienpolitische Position neu bestimmen. Verschwunden ist die Vorstellung, gute Politik für Familien ergebe sich fast zwangsläufig aus der beruflichen Gleichstellung von Frauen, die noch das Berliner Grundsatzprogramm der SPD geprägt hatte. Jetzt heißt es fürsorglich im ersten Satz des Leitantrages: "Für uns stehen Kinder im Mittelpunkt." Nicht mehr um die rein organisatorische "Vereinbarkeit" von Familie und Beruf soll es gehen, sondern um die "Balance von Arbeitsleben und Familie". Das Augenmerk richtet sich zum ersten Mal - und zwar vom Kind aus gedacht - auf die substanzielle Qualität der Betreuung, die sich nicht allein aus Quadratmeterzahlen und Personalschlüsseln errechnen lässt.

Damit nicht allein Frauen Berufs- und Erziehungslasten tragen, plant die SPD langfristig die Zahlung eines einjährigen Erziehungsgeldes als Lohnersatzleistung wie Kranken- oder Arbeitslosengeld - diese Regelung würde auch besser verdienenden Vätern einen Erziehungsurlaub ermöglichen. Das Ehegattensplitting will die SPD von einer "Förderung der Ehe zu einer Förderung der Kinder" umgestalten. Das Kindergeld soll langfristig für alle auf die maximale Steuerersparnis von Spitzenverdienern angehoben werden, also auf etwa 400 Mark im Monat. "Es muss uns aber vollkommen klar sein, dass für viele Familien höhere materielle Leistungen gar nicht das Wichtigste sind", sagt Renate Schmidt, die Leiterin des SPD-Familienforums und stellvertretende Parteivorsitzende.

Just zu dem Zeitpunkt, da die SPD sich vom Primat der materiellen Familienförderung verabschiedet, formuliert die CDU/CSU-Fraktion ein Konzept, das vor allem anderen auf die finanzielle Unterstützung der Eltern setzt: Erziehungsgeld, Kindergeld, Steuervorteile und andere staatliche Leistungen sollen zu einem "Familiengeld" von 1200 Mark pro Monat und Kind zusammengefasst werden; erhalten sollen die Eltern es drei Jahre lang, egal ob sie berufstätig sind oder ihre Kinder zu Hause erziehen. Drei- bis 18-jährige Kinder sollen anschließend mit 600 Mark pro Monat gefördert werden. Die geschätzten Zusatzkosten für dieses "Familiengeld" belaufen sich auf 40 bis 60 Milliarden Mark - ein gigantisches Vorhaben, dessen Finanzierung von vielen Unwägbarkeiten abhängt.

Auch die CDU hat das Leitbild von der Familienmutter fast vollständig aufgegeben: "Die meisten jungen Leute wollen nicht vor die Alternative Erwerbstätigkeit oder Familie gestellt werden. Kinder und Karriere dürfen kein Widerspruch mehr sein", heißt es in dem Grundsatzpapier. Konsequenterweise verspricht auch die Union einen "bedarfsgerechten" Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen für alle Altersstufen von null bis zwölf. Damit hat sich die CDU in etwa der sozialdemokratischen Rhetorik der neunziger Jahre angenähert. Das traditionelle Familienmodell findet zwar noch "Anerkennung", wird aber nirgends mehr als politisches Ziel vertreten.

Beide Parteien wollen außerdem die "Elternkompetenz" durch allerlei Bildungsmaßnahmen stärken. Beide Parteien wollen Kindergartenbeiträge senken, Eltern helfen, ihre Teilzeit-Arbeitswünsche durchzusetzen und Kinderbetreuungskosten voll steuerabzugsfähig zu machen. Streiten muss man nicht mehr darüber, ob die Familienpolitik im kommenden Wahlkampf ein wichtiges Thema sein wird. Sondern, bei vielen Übereinstimmungen und einigen wesentlichen Differenzen, über die best practice. Dass die gefunden wird, kann allerdings für den Fortbestand unserer Gesellschaft einigermaßen entscheidend sein.