Ein politischer Nachruf würde gewiss durchwachsen ausfallen - und dazu muss man nicht einmal einer der SPD kritisch gesonnen Partei anhängen. Also: De mortuis nil nisi bene - obwohl demnach eigentlich auch das Kritische erlaubt wäre, wenn es nur auf gute Weise - also bene - gesagt würde?

Mir ist eigentlich Folgendes wichtiger - und dies, obwohl ich mit vielen schrillen politischen Äußerungen der zuweilen als "Trompete von Brandenburg" apostrophierten Politikerin (und mit manchen ihrer elementaren und elementarisierten Polemiken) selbst als Beobachter meine Schwierigkeiten hatte: Wieder eine Stimme weniger, die offen heraus redete, wie ihr zumute und zu Herze - und wie ihr der Schnabel gewachsen - war! Es gehört zu unserem politischen System wie das Wasser zum Fisch, dass alles zum Ausdruck kommt, auch die Hoffnung, die Enttäuschung und die Wut - und all dieses auch besprochen wird, und beiliebe auch kritisch, auch heftig kritisch. Aber wenn sich alle das angewöhnen, was Herbert Wehner in seiner Abschiedsrede vom Bundestag "Schleiflackrhetorik" nannte? Dann verkümmert in unseren Parlamenten und in der ganzen Öffentlichkeit das, was der englische Parlamentstheoretiker Walter Bagehot die expressive function nannte, die Ausdruckskraft unseres politischen Lebens. Also: Wieder eine Stimme weniger - eine die sich und andere auch ärgerte.

Und dann bleibt natürlich das persönliche Schicksal, das nun hoffentlich seinen Frieden fand.

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