Im Jahr 1999, kurz vor der geplanten Präsentation der ersten Ausstellung in New York, hatte Jan Philipp Reemtsma entschieden, das Projekt erst einmal aus dem Rennen zu nehmen. Es hatte sich herausgestellt, dass eine beachtliche Zahl von Photodokumenten falsch eingeordnet worden waren. Gut, oder besser: Schlecht, man hätte versuchen können, die Ausstellung weiter zu zeigen, und die umstrittenen Bilder schnell abzuhängen. Oder man hätte anderswie im laufenden Betrieb Reparatur- und Flickarbeiten versuchen können.

Reemtsmas Weisheit, die ihm schon deshalb in der Umsetzung nicht einfach gewesen sein durfte, denn er musste sich de facto darüber von dem Projektleiter der ersten Stunde, von Hannes Heer trennen, hat schließlich gesiegt. Was man jetzt sehen kann, ist eben nicht nur eine "bereinigte Fassung" der ersten Version - sondern eine von Grund auf neu konzipierte Geschichtsdarstellung. Geändert hat sich also nicht nur, was zu sehen ist - sondern geändert hat sich auch, wie es gesehen wird; und zwar von den Ausstellungsmachern selber. Es hat sich also auch gewissermaßen ein mentaler Generationswechsel vollzogen: Von der unmittelbaren Wut und Selbstgerechtigkeit, auch der wütenden Selbstgerechtigkeit der in die Jahre gekommenen Alt-68er (oder genauer: einiger ihrer Repräsentanten) zu der mehr distanzierten, historisch kühleren Betrachtungsweise - was der Wahrheit nicht abträglich sein muss, im Gegenteil: Auch moralische Urteile gewinnen (und verlieren nicht etwa) an Präzision, wenn sie an primärer Parteilichkeit verlieren.

Aber auch dieses muss gesagt werden, trotz alle Fehler der ersten Version der Ausstellung -im Detail wie in der umstrittenen Perspektive: Auch die von Mängeln behaftete Erstfassung hatte ihre (Teil-)Wahrheit - und brachte einen Teil der Wahrheit zum öffentlichen Vorschein, den viele nicht wahrnehmen wollten: dass nämlich die deutsche Wehrmacht zwar nicht als ganze, aber doch als solche in die Hitler'schen Vernichtungsverbrechen tätig einbezogen war. Auch nach der Wahrnehmung der zweiten Ausstellung wird, so fürchte ich, die Intensität der Verstrickung größer sein, als viele wahrhaben wollten. Nur, dass sie sich dieser Wahrheit nun noch weniger entziehen können. Die vielen Fehler der ersten Fassung boten viele Ansatzpunkte für Ausreden. Jetzt geht es zur Sache.

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