Dessau

Noch gibt es nichts: keine Adresse, kein Büro, kein Programm. Nicht einen einzigen Ortsverein hat die Partei Rechtsstaatlicher Offensive des beurlaubten Amtsrichters Ronald Schill bislang in Sachsen-Anhalt gegründet. Dafür gibt es Männer wie Norbert Hoiczyk.

"Meine Familie ist Kummer gewohnt, seit ich in der Politik bin." Der 41-jährige Oberstleutnant trägt einen grauen Dreiteiler und spricht mit feierlichem Ernst. Bis vor einem Jahr war Hoiczyk Fraktionsvorsitzender der CDU in Letzlingen, einer Gemeinde mit 1700 Einwohnern, vierzig Kilometer nördlich von Magdeburg. Dort haben sie ihn auflaufen lassen, die Alten, die noch in der Blockpartei waren und sich nicht für die Nöte der Jüngeren interessieren. So jedenfalls sieht es Hoiczyk und hat für sich die Konsequenzen gezogen.

Anfang Oktober traf sich der Oberstleutnant mit fünf Gleichgesinnten in einem Hotel in Magdeburg. Seitdem bemühen sie sich, ein Bauunternehmer, ein Kriminalbeamter, zwei Selbstständige, ein Geschäftsführer und ein Staatsdiener, in Sachsen-Anhalt einen Landesverband der Schill-Partei zu etablieren. Fünf der sechs Männer haben ihr Glück bereits in anderen Parteien versucht. CDU, CSU, SPD und FDP - mit Ausnahme von PDS und Grünen waren alle etablierten Parteien in der Runde vertreten. Aus dem Treffen wurde ein Team. "Selbsternannte Organisatoren organisieren", beschreibt Hoiczyk den gegenwärtigen Zustand. Immerhin, rund 500 Mitglieder aus Sachsen-Anhalt hat die "Mutterpartei" in Hamburg bereits aufgenommen. Jeder Antrag wird einzeln geprüft. Die Verantwortlichen wissen, dass ihre Partei unter besonderer Beobachtung steht. Das schlimmste, was er sich vorstellen könne, sei, "dass wir Leute aus der ganz, ganz rechten Ecke in der Partei haben, die uns alles wieder kaputtmachen", sagt Parteivize Mario Mettbach.

Zwei Monate sind vergangen, seit die Schill-Partei bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg aus dem Stand 19,4 Prozent erzielte, und noch immer ist die Unsicherheit unter den Etablierten groß: Handelt es sich bei der Neugründung tatsächlich nur um einen Haufen unerfahrener Leute, der rasch seine Inkompetenz unter Beweis stellen und sich binnen kürzester Zeit wieder auflösen werde, also um ein "vorübergehendes Phänomen", wie es der Parteienforscher Peter Lösche - und nicht nur er - noch am Wahlabend vorausgesagt hat? Oder ist die Sorge des stellvertretenden CDU-Vorsitzenden Christian Wulff berechtigt, die Christdemokraten könnten den Rang einer Volkspartei verlieren, wenn sich die Schill-Partei auch außerhalb der Hansestadt etablieren sollte?

Die Schwäche der anderen

In Sachsen-Anhalt jedenfalls sind die politischen Voraussetzungen für einen Erfolg der Schill-Partei günstig. Die Bilanz des "Magdeburger Modells" - einer von der PDS tolerierten SPD-Minderheitsregierung - ist dürftig. Die Unzufriedenheit unter den Wählern ist groß. Dennoch bietet die Opposition im Parlament keine Alternative. Die CDU bleibt in Umfragen unter dreißig Prozent. Vor vier Jahren zog die rechtsextreme DVU überraschend mit knapp 13 Prozent Stimmenanteil in den Magdeburger Landtag - ein Potenzial an Protestwählern und Rechtsgesinnten, das sich im kommenden Jahr durchaus bei Schill wiederfinden könnte. Eine Umfrage taxiert die Partei, die es in Sachsen-Anhalt noch gar nicht gibt, bereits bei über zwanzig Prozent. In der Schwäche der anderen liegt die Chance für Schill.