Im 13. Stock seines mächtigen Ministeriums sitzt - jenseits der Sicherheitsschleusen und Durchleuchtungsgeräte - ein fast 70-Jähriger und will nicht mehr nach früher gefragt werden. Vor den Panoramafenstern der fahle Tag, drunten, im Trüben, Berlin. Das Jahr 2001 geht zur Neige, und die Sonne erholt sich auch zur Mittagszeit nicht mehr. Früher - das ist zu lange her.

Ein Innenministerium ist kein Ort des In-Sich-Gehens, dieser Tage weniger denn je. Der Mann hat größere Sorgen, als ein Mensch sie haben kann: Werden sich Flugzeuge in Atommeiler bohren, Raketen in ausverkaufte Fußballstadien, wird bald Gift das Trinkwasser einer Großstadt verseuchen? Er muss eine Republik vor solchen apokalyptischen Anschlägen von Terroristen schützen, die zum Letzten entschlossen scheinen. Al-Qaida soll die Gruppe heißen und ihr Führer Osama bin Laden. Es sind Männer, denen das Menschenleben nichts gilt, das fremde nicht, das eigene nicht. Werden sie aus dem arabischen Raum eindringen? Oder bewegen sie sich unerkannt schon unter uns? Das sind Otto Schilys Dimensionen der Bedrückung.

Seine Stimmungsaufheller sind neue, harte Schily-Gesetze: Mehr Macht der Polizei, mehr Einblicke dem Geheimdienst, ausgedehnte Ermittlungen von Sicherheitskräften, V-Männer, Überwachung ohne Verdacht, elektronisches Lauschen, Fingerabdrücke, Gesichtsraster - ein ganzes Volk will er erkennungsdienstlich behandeln. Doch der Innenminister, den die Presse "Polizeiminister" nennt, bei dem Politiker linker und liberaler Parteien "despotische Wahnvorstellungen" und den "Verlust jeder Balance" diagnostizieren, ist zum ersten Mal unter die beliebtesten Politiker des Landes geraten.

Er jettet nach Amerika, hastet mit dem Kanzler nach Pakistan, eilt nach Indien, um in der ersten Reihe der globalen Antiterrorfront zu stehen gegen Selbstmordattentäter, gegen deren Schirmherren und Sympathisanten in Afghanistan, im Irak und anderswo. Er verteidigt seine Sicherheitsgesetze mit scharfen Hieben in Sitzungen, im Bundestag, im Fernsehen. Er tritt auf wie einer, der alle Höflichkeit längst hinter sich gelassen hat. Alle reden auf ihn ein, fragen ihn, wollen ihn sprechen. Und nun soll er an jenem bleiernen Tag im 13. Stock seines Machtapparates nicht über Sicherheit reden, sondern über sich. Und über früher. Ach, sagt sein Blick, lass mich in Ruh'.

Im Stammheimer Gericht beginnt Schilys Karriere als Politiker

Ein Vierteljahrhundert früher, da steht vor einem Maschendrahtzaun, hinter dem sich das Betonmassiv des Hochsicherheitsgefängnisses Stuttgart-Stammheim auftürmt, ein Mann in den Vierzigern im eleganten Dreiteiler vor der Fernsehkamera und lässt sich fragen. Er trägt die Krawatte korrekt gebunden und kneift die Augen zusammen, die Frühlingssonne scheint ihm ins Gesicht. Ein knospendes Bäumchen wiegt sich im Hintergrund. Das Jahr 1975 ist noch jung. Der Mann erklärt dem Reporter vom Südwestrundfunk, dass er, als Verteidiger der Terroristin Gudrun Ensslin, einen politischen Prozess für seine Mandantin führen werde. Was das sei? "Politischer Prozess bedeutet, dass in dem Prozess dargestellt werden kann, was die politischen Ziele der Rote-Armee-Fraktion sind", sagt Otto Schily. Er intoniert es näselnd, beinahe arrogant.

Und was waren die politischen Ziele von Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe, deren Hauptverhandlung am 21. Mai 1975 vor dem Stuttgarter Oberlandesgericht begann? "Dass der Krieg in die Wohnviertel der Herrschenden getragen wird", wie sie dem Volke mitteilten. "Vernichtung, Zerstörung, Zerschlagung des imperialistischen Herrschaftssystems - politisch, ökonomisch, militärisch", wie Ulrike Meinhof meinte. Dass sie der "verbrecherischen Politik einer imperialistischen Supermacht", der USA, das "politische Verbrechen" entgegensetzten, wie es der Verteidiger Otto Schily zusammenfasste.