Rainer Merkel tat die Arbeit eines Schriftstellers. Jetzt muss er auch einer sein.

Anfang Oktober sitzt Merkel auf dem Podium des Literarischen Colloqiums Berlin, neben ihm Joachim Bessing, ebenfalls Debütant. Es ist die erste Lesung, seit das Buch erschienen ist, Merkels erstes Buch. Das Jahr der Wunder .

Die ersten Kritiken waren gut. Ein Preis und die Besprechung im Literarischen Quartett warten. Der deutsche Literaturbetrieb hat Merkel den roten Teppich ausgerollt. Merkel hat ihn betreten. Doch schon in diesem Moment ist nicht mehr klar, was sich bewegt. Er oder der Teppich.

Der Teppich ist ein Fließband. Es läuft hinein in eine lärmende Maschine.

Joachim Bessing keift. "Mein Roman ist doch nicht AM PULS DER ZEIT!" Der Moderator erhält auf seine Fragen keine einzige normale Antwort, nur Hohn. Bessing hat die Beine angewinkelt, der große Kopf steht vor und grient: ein Frosch, der Kette raucht und giftigen Schleim absondert. Vor der Lesung hatte er zu Merkel gesagt: "Natürlich liest du zuerst, du bist ja der Star des Abends."

Bessing wurde vom Moderator als Vorreiter der Popliteratur präsentiert. In einer Zeitung war zu lesen, mit seinem ersten Roman wolle er endlich ernst genommen werden. Seine Rolle als Schriftsteller hat Bessing aber offenbar schon gefunden.

Bessing und Merkel sind eingeladen worden, weil ihre beiden Romane "Initiationsgeschichten in die moderne Arbeitswelt" darstellen, wie der Moderator erklärt hat. Mehr Gemeinsamkeiten lassen sich im Laufe des Abends nicht herstellen.