Schon Mitte Oktober hatte Österreichs Skiindustrie auf den Gletscher gebeten, um das Freeskiing, den neuesten Trend des Winters, zu propagieren. Wie es sich im Event-Zeitalter gehört, mit einer lautstarken Show, fetziger Musik und jungen Akteuren in trendig-weiter Pistenrobe. Freeskiing, das ist das Springen über hoch aufgeschobene Schanzen, über steile Felsvorsprünge im Gelände und das schwerelose Schwingen im unberührten Tiefschnee. Selbstredend, dass man für jede dieser Disziplinen einen anderen Ski braucht: mal vorne und mal hinten breit, mal an beiden Enden aufgebogen. Pate bei der Erfindung des neuen Trendsports standen zum einen die Extremskifahrer, denen schon seit mehr als zwanzig Jahren kein Hang zu steil, kein Sprung zu waghalsig ist. Zum anderen hat man kräftig bei den Snowboardern abgekupfert, deren Sprüngen, deren Mode, deren Sprache, deren Musik. Trendsportmagazine und TV-Kanäle wie MTV und DSF sollen mit den Kunststücken der Zweibrettfreaks nun die Großstadtjugend für die neuen Skier und den Skilauf überhaupt begeistern.

Denn Atomic, Blizzard, Head & Co haben ein gemeinsames Problem: Skifahren gilt bei den Jugendlichen gegenüber dem Snowboarden als uncool und langweilig. Nur noch jeder 100. Deutsche unter 15 Jahren, so das ernüchternde Ergebnis einer Studie, fährt Ski. Und da sich der Bergtourismus in der kalten Jahreszeit vorzugsweise auf der schrägen Ebene abspielt, fürchten nicht nur die Brettlbauer, sondern ganze Ferienregionen entlang des Alpenhauptkamms, dass ihnen die Zielgruppe wegsterben könnte.

Früher hatten viele Kinder ihr erstes Bergerlebnis mit den Eltern im Familienurlaub - und kamen später als Erwachsene zurück. Inzwischen fliegen dreimal so viele Deutsche wie noch Anfang der siebziger Jahre lieber pauschal in die Sonne, ihre Kinder kennen die Alpen nur noch vom Überflug mit dem Charterjet.

Im globalen Tourismusmonopoly geraten die klassischen Individualreiseziele der Alpen ohnehin immer weiter ins Hintertreffen. Denn multinationale Urlaubsriesen wie TUI oder Thomas Cook lassen die Ferienflieger ihrer Konzerne lieber dort landen, wo sie ihre eigenen Hotels füllen können: etwa auf den Balearen und Kanaren, in der Türkei oder der Dominikanischen Republik.

Skirampe vorm Hamburger Rathaus

Damit sich der Abwärtstrend nicht fortsetzt, arbeiten die alpenländische Tourismus- und die Sportartikelindustrie nun Hand in Hand: Man versucht, den Skilauf als Trendsport zu verkaufen, inszeniert rund ums Jahr krachende Schneespektakel in den Metropolen und bemüht sich, mithilfe der Lehrer und des Internet Schüler für den Wintersport zu begeistern.

Einen ausgefallenen Versuch, mehr Winterurlauber in ihr Land zu locken, erdachten Österreichs Tourismuswerber. Frei nach dem Motto: Wenn sich unsere besten Kunden, die Deutschen, zieren, Winterferien zu buchen, dann fährt man ihnen den Schnee eben vor die Haustür. So startete jedenfalls die Skisaison in Deutschlands hohem Norden diesmal schon am 28. Oktober, auf dem Hamburger Rathausmarkt. Im Zentrum der bislang nicht als Abfahrtsdorado bekannten Hafenstadt bauten die Österreicher eine gewalige Skirampe auf. Fünf fahrende Kühlhäuser brachten die weiße Auflage gleich mit - Originalschnee vom Gletscher aus dem 1000 Kilometer entfernten Sölden. Vor allem der Hamburger Jugend schien es zu gefallen. Bereitwillig wartete sie eine Stunde lang auf einen Leihski, Schneeschuh oder Pistenbob, um dann in ein paar Sekunden runterzurutschen. Als dann am Abend auch noch der DJ Ötzi seinen Anton aus Tirol zum Besten gab, erreichte die Stimmung ihren Höhepunkt. Besonders gut gelaunt: die Vertreter der Wintersportorte, denen schon am Nachmittag die Prospekte für Schneeferien restlos ausgegangen waren.