Luder hieß also einmal totes Fleisch. Heute bedeutet es: weibliches Fleisch, das sich tot, nämlich dumm, stellt. Fleisch, das männliches Raubwild anlockt. Als Luderschächte fungieren die Medien. Als Luderplätze dienen etwa die Sofas der Show Wetten, dass ...? sowie der Schoß eines gewissen Bohlen.

Früher hieß das Luder "Partygirl", und sein Lebensraum war auf ein paar Oasen begrenzt; man fand es in der Nähe von Pools, Sektkübeln und altem Geld. Sein Leben war ein fieberhaftes Hin und Her zwischen solchen Oasen. Heute entscheidet das Luder selbst, durch pure Anwesenheit, wo Oase und wo Wüste ist. Es bewegt sich kaum noch. Wenn es sein Fleisch auf einem Luderplatz auslegt, nimmt es flugs den Namen dieses Ortes an. Es gibt Boxenluder, Spindluder, Teppichluder, Feld-Wald-und-Wiesen-Luder, Economy-, Business- und Senatoren-Luder.

Aber warum müssen sich kluge Frauen tot stellen, um Macht zu erlangen? Weil sie aus dem Mittelpunkt der Geschehnisse vertrieben worden sind; listig erobern sie nun das Zentrum zurück. Näheres steht bei Einar Schleef, dem verstorbenen Theatergenie. Schleef stellte fest, dass die von Frauenfiguren (Medea, Elektra, Antigone, Alkestis) beseelte Kunstform der Tragödie am Ende war, als die Nordeuropäer sich ihrer bemächtigten - erst Shakespeare, dann die deutschen Klassiker. Sie verdrängten die Frau aus dem Drama und zerschlugen den antiken Chor. Seitdem leben wir in banalen, posttragischen Zeiten: keine wahre Trauer, keine Klage mehr. Und die Männer, ohne es zu merken, tun alles, um die Rückkehr der Frau ins Handlungszentrum zu verhindern. Sie schließen sich zu rauschhaften Bünden, Clubs, Truppen, Jagdgemeinschaften zusammen - Vulgärformen des antiken Chors, Abwehrriegel gegen das "tragische", weibliche Bewusstsein.

Die Frau steht draußen. Denn der Chor, so Schleef, "setzt in bürgerlicher Auffassung den Ausschluss der Frau voraus, da sie die Drogeneinnahme stört". Was bleibt der Frau, da Männer sie aus der Tragödie verjagt haben? Sie muss selbst Droge werden, vergifteter Köder, ein Luder für das Rudel, Aas mit Aura.

Das Luder wird nicht mehr ausgelegt. Es legt sich selbst aus. Und das Raubwild wird nicht mehr abgeschossen, es wird eingelullt. Schnurrend schleicht es um des Luders Fesseln, hypnotisiert vom wissenden, leeren Luderblick. Damit sind wir beim zweiten "Wort des Jahres", dem Schläfer. Das Luder moderner Prägung braucht einen Chor von Schläfern, um seine Magie zu entfalten. Gemeint ist nicht der terroristische Schläfer, sondern der gemeine Fernsehsesselschnarcher und Existenzverdöser. Ihn versetzt das Luder in tiefen Schlaf, um ihm dann im Traum zu erscheinen.