Selbst hoch über den Wolken, im ewigen Sonnenlicht, blickt einen nur ein Gesicht an, jenes von bin Laden. In 9000 Meter Höhe richtet er auf dem Cover des Time Magazine eine Panzerfaust gegen den Leser. Jede Sekunde, jede Minute ist ein Geschenk. Wir landen sicher in Paris, wir sind noch einmal davongekommen. Alle tun so, als sei das selbstverständlich. Jeder ein Überlebensprofi. Katastrophengeübt schleichen wir uns durch die Kontrollen.

Da warten schon die nächsten. Am 14. November wurde Paris Photo im Carouselle de Louvre eröffnet. Am Eingang werden die Taschen durchwühlt und ausgeräumt. Alle müssen durch die Schleuse. Jede und jeder könnte ein Attentäter sein. Auch eine Fotoausstellung könnte man in die Luft jagen. Es herrscht seltsame Ratlosigkeit. »Was sollen wir denn jetzt noch fotografieren?«, scheinen sich die anwesenden Fotografen zu fragen. Die Jahrhundertbilder sind gemacht, was jetzt?

Das Bild von dem brennenden und einstürzenden WTC ist nicht mehr zu steigern. Die ultimativen Katastrophenbilder, sozusagen der finale Schnappschuss. »Wir haben gar nichts gesehen«, erklärt mir ein weltgereister Fotograf, der auch in Kriegsgebiete fährt, Exekutionen, Flüchtlinge, Kinderleichen und Folterer und ihre Opfer fotografiert, aber in der Ausstellung märchenhafte Akte zeigt. In Kriegszeiten, sagt er, werde jedes Bild von der Militärzensur gesichtet, zur Veröffentlichung freigegeben oder unter Verschluss gehalten. Was wir sehen dürfen oder eben nicht, entscheiden andere. Außenansichten bleiben es sowieso. Es sind die Bilder hinter den Bildern, die wir im Kopf haben. Das, was hinter den brennenden Fassaden zu sehen gewesen wäre. Die fantasieanregende Inszenierung unsichtbarer menschlicher Tragödien. Nicht einmal im Kopf nachvollziehbar.

Gestern stiegen vom Dach der Galleries Lafayette dunkle Rauchwolken in den sonnigen Himmel. »Brennt es da?«, fragt eine Touristin mit schriller Stimme ihren Mann. Andere Touristen schauen entsetzt auf das Dach des Warenhauses. Sagte da jemand »Jetzt hat es auch Lafayette erwischt.«? Durch den Eingang des Warenhauses gehen die Leute, als wäre nichts geschehen. Stundenlang brennt das Dach. Es sind die rauchenden Heizungs- und Abluftrohre des Warenhauses.