New York/Washington

In der kommenden Woche liegt Afghanistan an der Spree. Ein Schwarm von Delegierten aus - hoffentlich - allen Teilen des Landes soll in der deutschen Hauptstadt die Grundzüge einer neuen Architektur für Afghanistan entwerfen. Rund fünfzig Vertreter von Sippen und ethnischen Gruppen kommen unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen mit Diplomaten aus aller Welt zusammen, um das Unmögliche zu versuchen: die Einheit der afghanischen Nation.

Vor nicht allzu langer Zeit klang alles ganz einfach. Erst Osama bin Laden mithilfe chirurgischer Bombardements aus dem afghanischen Volkskörper herausoperieren, sein Al-Qaida-Netz zerstören und die Taliban vertreiben, so lautete einst der Marschplan der Operation "Dauerhafte Freiheit". Dann kommt die Zeit, darüber nachzudenken, wie das Leben aller Afghanen ein bisschen freier und vor allem friedlicher gestaltet werden kann als bisher.

Plötzlich aber geht alles rasend schnell, passiert alles gleichzeitig. US-Bomber beharken die gen Süden fliehenden Taliban. Darunter und dazwischen jagen Sonderkommandos den Terroristenführer. Afghanische Stammeschefs stürzen hinterher, um frei gewordene strategische Zentren zu besetzen. Britische und französische Elitetruppen rennen ihnen entgegen, um just das zu verhindern. Unterdessen wird im obersten Stock der New Yorker UN-Zentrale fieberhaft an einem Plan für die politische Neuordnung und den wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes gefeilt. Die Trupps der internationalen Helfergemeinde sind derweil losgeprescht, um Millionen notleidender Menschen endlich Lebensmittel und Medikamente zu bringen. Alles dies muss unter einen Hut gebracht werden, zumindest dürfen sich die Operationen nicht gegenseitig behindern oder gar gefährden: Die Geschäftsordnung für das Berliner Treffen könnte umfassender und schwieriger kaum sein.

Das Amt des Schiedsrichters bei diesem erbitterten Tauziehen um Macht und Verantwortung wäre wie geschaffen für einen Richard Holbrooke, den energiegeladenen US-Balkanemissär, der an Gerissenheit seinen Verhandlungspartnern kaum nachstand. Gebraucht wurde indes ein Muslim und Araber, der nicht aus dem Nahen Osten stammt. Da konnte die Wahl nur auf einen fallen: Lakhdar Brahimi. Algerier, 67 Jahre alt, umsichtig, skeptisch und wohl auch ein wenig müde - der Anti-Holbrooke. Aber als hoch erfahrener, kluger Diplomat ist er allseits geachtet. UN-Generalsekretär Kofi Annan setzt ihn mit Vorliebe als Allzweckwaffe für impossible missions ein, im Jemen, in Zaire, Haiti, Südafrika, Angola - und Afghanistan. In dem zentralasiatischen Konflikt hat Brahimi bereits einmal (1997-1999) vermittelt: Er kennt die Spieler wie kein Zweiter. Mehr noch, er ist einer der ganz wenigen, von denen sich Washington Fehler vorwerfen lässt und sogar hinhört. Doch auch er gab schließlich auf; entnervt, wie Beobachter sich erinnern, von der Heuchelei sämtlicher Beteiligten. Nun will er es noch einmal wissen, sagt ein New Yorker Diplomat, der ihn gut kennt und schätzt. Brahimis Motiv: Heute gebe es erstmals einen breiten Willen zum Frieden - nicht nur bei den Nachbarn, sondern auch unter den Großmächten. Eine einmalige Chance für Afghanistan, nach zwei Jahrzehnten Krieg, drei Jahren Dürre und fünf Wochen Luftbombardement.

Ankara will die Führung

Hat also die Stunde der Vereinten Nationen geschlagen? Brahimi zumindest hat nicht lange gezögert. Vorige Woche legte er dem UN-Sicherheitsrat einen Plan für die Befriedung Afghanistans vor. Eine einstimmige Resolution gab ihm grünes Licht - und der Kollaps der Taliban die Gelegenheit, seine Vorstellungen in die Praxis umzusetzen.