Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) steht unter Druck. Am 7. Dezember sollte ihr Hauptausschuss über einen Antrag des Bonner Neurowissenschaftlers Oliver Brüstle befinden. Brüstle will - finanziert von der DFG - menschliche embryonale Stammzellen importieren. Schon zwei Mal ist die DFG von der Politik um einen Aufschub der Entscheidung gebeten worden, obwohl der Import geltendem Recht entspricht. Nun soll sie die Abstimmung auf Bitte von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse erneut vertagen. Auch von Bundestagsabgeordneten gehen Anrufe in der Bonner Hauptverwaltung ein. Manche drohen ganz unverhohlen mit der Kürzung des DFG-Budgets in künftigen Sitzungen des Haushaltsausschusses. Aber auch innerhalb der Forschergemeinde wächst derweil der Unmut. Von einer nachhaltigen Schwächung der wissenschaftlichen Selbstverwaltung ist die Rede, vom drohenden Gesichtsverlust des DFG-Präsidenten Ernst-Ludwig Winnacker. Winnacker wehrt sich und stellt dem Bundestag ein Ultimatum: Wenn nicht schnell ein verlässlicher Termin für die parlamentarische Debatte benannt wird, entscheidet die DFG auf der Basis des geltenden Rechts - für den Import.

die zeit: Im Juni hat die DFG beschlossen, am 7. Dezember über die Importfrage zu entscheiden - endgültig, hieß es damals. Jetzt wollen Sie die Frage noch einmal vertagen?

Ernst-Ludwig Winnacker: Der Bundestag hat sich Zeit für eine Debatte erbeten.

zeit: Die Abgeordneten haben doch schon am 31. Mai, nach der Veröffentlichung der DFG-Empfehlungen für den Stammzellimport, ausführlich debattiert. Die Tiefe und Reife dieser Debatte wurde ausdrücklich gelobt.

Winnacker: Für uns ist der Deutsche Bundestag das entscheidende Gremium in der Debatte. Wenn wir den Primat der Gesellschaft anders sähen, hätten wir die Entscheidung auf Bitten der Politiker nicht schon mehrfach verschoben. Jetzt ist ein Sitzungstermin in der Woche vom 21. Januar anberaumt worden - oder vielleicht eine Woche später. Der Bundestagspräsident hat uns zugesichert, sich in Absprache mit den Fraktionsvorsitzenden darum zu bemühen, das Thema rechtzeitig vor der DFG-Hauptausschusssitzung am 31. Januar auf die Tagesordnung zu setzen.

zeit: Sie selbst haben seit der Veröffentlichung der DFG-Empfehlungen (siehe Chronik) bis heute zum Thema Stammzellimport geschwiegen. Alle Argumente, sagten Sie, seien auf dem Tisch. Hat sich daran etwas geändert?

Winnacker: Es gibt mit Sicherheit keine neuen Argumente. Ich habe auch im Ethikrat keine gehört. Aber es soll offenbar den Abgeordneten des Bundestags Gelegenheit gegeben werden, sich noch einmal persönlich mit der Frage des Imports von Stammzellen auseinander zu setzen.