Wer am liebsten im Wald betet, der soll sich auch vom Oberförster trauen lassen!" Der gereizte Ratschlag eines jungen protestantischen Pfarrers im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel spiegelt die Lage auf dem Markt der Spiritualität wider: Der Kirchenaustritt hat sich landauf, landab als gängiges Steuersparmodell etabliert. Zu Millionen kündigen Katholiken und Protestanten ihren Glauben auf und gelten zumindest vor dem Finanzamt als Atheisten. Der Glaube versetzt Berge von Geld - weg von den Amtskirchen und hin zu den vielfältigsten spirituellen Angeboten, die der Supermarkt der Esoterik für Sinnsucher in die Regale geräumt hat: Feng-Shui, Reiki, Channeling, Pendel, Wahrsagen, fernöstliche und indianische Mystik oder Magie - gern auch schwarz.

Astrid Leyla Bust aus Dortmund, studierte Theologin, hat ihren Job als Religionspädagogin an den Nagel gehängt und wurde Tantra-Lehrerin. Seit fünf Jahren unterweist Bust zusammen mit ihrem Partner Singles und Paare in Sexualität und Zärtlichkeit indischer Prägung: "In unserer Singlegesellschaft gibt es so viel Vereinsamung und Isolation. Viele Menschen haben gar keinen regelmäßigen Körperkontakt." Üben kann man den für rund 500 Mark pro Wochenende im Dortmunder Tantra-Forum - etwa als "Tantra-Massage nach Yin und Yang". Rund tausend Klienten aus dem gesamten Bundesgebiet besuchen die Seminare pro Jahr, Tendenz steigend.

Während in "gottverlassenen" Großstädten wie Hamburg evangelische Gemeinden fusionieren, um sonntags wenigstens noch eine Kirche halbwegs zu füllen, buchen immer mehr Bundesbürger Workshops, Wochenendkurse oder Weltreisen, die mit dem Versprechen locken, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. "Das ist auch ein Ausdruck der Krise", sagt Christamaria Hehmann, Chefredakteurin der Zeitschrift Esotera mit monatlich rund 50 000 verkauften Exemplaren. "Noch nie waren junge Leute mit 30 Jahren von ihrem Beruf so ausgepowert wie heute. Da fängt man an zu denken." Seit den achtziger Jahren hat sich das Interesse an Grenzwissenschaften und New Age vom Rand in die Mitte der Gesellschaft vorgearbeitet. Selbst Volkshochschulen in der Provinz bedienen heute die steigende Nachfrage nach Spiritualität und ganzheitlicher Medizin.

"Die Prozentzahlen, die sich auf die unzähligen einzelnen Glaubenspartikel aus der Esoterikecke versammeln, sind sehr klein. Aber sie summieren sich alles in allem inzwischen zu einer stattlichen Zahl von Esoterikanhängern", sagt der Sozialforscher Edgar Piel vom Allensbacher Institut. 17 Prozent aller Bundesbürger interessieren sich für fernöstliche Religionen, 19 Prozent beschäftigen sich regelmäßig mit Astrologie und Horoskopen, haben die Demoskopen in Allensbach herausgefunden.

In konkrete Zahlen lässt sich der spirituelle Markt mit seinen abertausend Angeboten und Millionen Kunden kaum fassen. Es gibt weder einen Branchenverband noch eindeutige Abgrenzungen zu anderen Wirtschaftszweigen, beispielsweise im Verlagswesen. Vor zwei Jahren untersuchte die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) den esoterischen Buchmarkt und stellte dabei erstaunliche jährliche Zuwachsraten von weit über 20 Prozent fest. Schon 1998 durchbrach der Gesamtumsatz mit diesen Titeln die Schallmauer von 100 Millionen Mark. In vielen Buchhandlungen übertreffen die Umsätze mit spirituellen Büchern neuerdings die Belletristik.

Die Zukunft - für 60 Mark

Fast alle großen Verlage haben umfangreiche Esoterikreihen aufgelegt, von denen die meisten Spiritualität und alternative Heilmethoden als leicht verdauliche Ratgeber für den Alltag präsentieren. Die Modethemen wechseln sich in schneller Folge ab: Noch vor drei Jahren durfte in keiner Reihe ein Band über Feng-Shui fehlen, dann galt das Interesse vorübergehend den Hexen - nun setzt der 11. September neue Akzente.