Die vergangenen zehn Tage haben Afghanistan umgekrempelt - und mit dem Land einige hartnäckig verkündete Wahrheiten. Die Nordallianz, deren Helden im Ruf standen, bei Regen nicht zum Schießen auszuziehen, hat große Teile des Landes im Handstreich erobert. Viele Taliban, zuvor bärtig und angeblich todesverachtend, suchen das Weite in Südafghanistan oder rettende Zuflucht beim Barbier. Die Luftangriffe der Amerikaner, lange als Schüsse in den Wüstensand verhöhnt, zeigten ihre Wirkung, als die Stellungen der Taliban über Nacht zusammenbrachen.

Nun melden sich jene geräuschvoll zu Wort, die all das schon immer gewusst haben. Das Rezept für den Sieg gegen den Terror brachte der amerikanische Kommentator William Safire dieser Tage auf den Punkt: "Man nehme eine mächtige Luftstreitmacht. Dann füge man starke lokale Bodentruppen hinzu, die durch Spezialkräfte einer Supermacht geführt werden. Das Ergebnis der Verbindung von Stärke und Gerechtigkeit: der Sturz eines tyrannischen Regimes." Was in Afghanistan richtig war, kann in Irak nicht falsch sein. Safire empfiehlt, die Gunst der Stunde zu nutzen und im selben Besenschwung das Regime von Saddam Hussein hinwegzufegen. Er und prominentere Befürworter eines Schlags gegen Bagdad fühlen sich bestärkt durch die Bemerkung von US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, man wüsste nicht erst seit dem 11. September, dass Saddam eine "Bedrohung für sein eigenes Volk, für die Region und Amerika" sei.

Doch wäre ein rascher Angriff auf Irak die Lehre aus der dramatischen afghanischen Wende? Noch wehren sich die Taliban in ihrer Hochburg Kandahar. Trotz der Beherrschung der Lüfte über Afghanistan können die Amerikaner das Geschehen auf dem Boden nicht lenken. Die Nordallianz gebärdet sich selbstbewusster als erwartet. Präsident George W. Bush hatte seine gewehrfuchtelnden Verbündeten sanft, aber vernehmbar aufgefordert, nicht nach Kabul einzumarschieren. Die afghanische Hauptstadt sollte nach amerikanischer Vorstellung allen ethnischen und religiösen Gruppen des Landes offen stehen. Am Tag darauf ignorierten die Kämpfer der Nordallianz die Bitte ihres fernen Gönners und rollten in Kabul ein. Von der Höhe des Panzers machten einige ihrer Führer sogleich Stimmung gegen die Stationierung ausländischer Friedenstruppen im Lande. Für Washington keine neue Erfahrung.

Schon in den Balkankriegen mussten die Amerikaner ihre lokalen Hilfstruppen auf dem Boden wieder zähmen, als diese meinten, ihre kleine Welt aus den Angeln heben zu können. Die Kroaten hätten 1995 gern die serbischen Truppen bis an die Ufer der Drina zurückgeschlagen; die siegreiche albanische UÇK hätte 1999 die serbische Minderheit Richtung Belgrad vertrieben, wären die Westmächte nicht dazwischengegangen. Mit einer wohl dosierten Mischung aus Drohungen und Versprechungen haben Europäer und Amerikaner damals die übermütigen Sieger gebremst.

Keine Höhle mehr für Al-Qaida

Dieselbe Methode muss heute bei der Nordallianz verfangen. Wer das Geschehen am Boden im Wesentlichen aus der Luft verfolgt, ist auf die guten Verbindungen der Regionalmächte angewiesen. Die Vereinigten Staaten nutzen jetzt den traditionellen Einfluss und die Kenntnisse von Russen, Usbeken, Tadschiken und vielleicht bald auch von Iranern, damit die Nordallianz nicht zu eigensinnig wird. Der pakistanische Staatschef Pervez Musharraf hat bei einem Blitzbesuch in Teheran darauf gedrängt, dass die in Pakistan wie Afghanistan lebenden Paschtunen bei der künftigen Machtverteilung in Kabul nicht zu kurz kommen. Die Pakistaner fühlen sich als die Verlierer der Wende in Afghanistan. Die Amerikaner aber hätten den Schaden, wenn Islamabad sich nun enttäuscht abwendete. Die Regionalmächte dürfen nicht in alte Rivalitäten um Afghanistan zurückfallen. Nur wohltemperierte Diplomatie wird die ungleiche Allianz zusammenhalten.

Wie passt der Angriff auf Irak zu diesem zentralasiatischen Mobile? Die Amerikaner verdächtigen Saddam Hussein, sich mit verbissener Beharrlichkeit ein Biowaffenarsenal zusammenzukochen. Bereits vor sechs Jahren musste Irak zugeben, 8500 Liter konzentrierter Milzbrandlösungen hergestellt zu haben. Eine klare Spur von den Attentaten des 11. September bis nach Bagdad ist noch nicht gefunden worden. Nur ein Hinweis: Der Terrorist Atta soll sich im April 2001 in Prag mit einem irakischen Diplomaten getroffen haben.