Als es endlich so weit war, wollte sich Glücksgefühl nicht mehr recht einstellen. Vor gut drei Jahren stand - nach jahrelanger Vorwegnahme in politischen Träumereien und Albträumereien - die rot-grüne Koalition, und Karl-Hermann Haak, der Sprecher des Seeheimer Kreises der SPD, sprach im November 98 wahrhaft erinnerungswürdige Worte über die Grünen: "Wir mögen uns."

Viele hielten diese Allianz jedoch damals schon für verspätet, ja für überständig. Darüber täuschte auch die spröde Liebeserklärung der Kanalarbeiter nicht hinweg. Die Skepsis war nicht grundlos, denn eine einzige Legislaturperiode ist kurz als Halbwertszeit für einen Pakt, der mehr sein sollte als ein Zweckbündnis. In der letzten Woche musste der Kanzler die Vertrauensfrage stellen. Bis in die Fraktionen hinein hatte sich das Misstrauen schon gefressen. Auch wenn die Regierung aller Voraussicht nach den Herbst erreichen wird - als "Projekt", als langfristige politische Alternative, ist Rot-Grün perdu. Was Erwartungen und Hoffnungen auf sich bündelte, was einmal als Ausdruck aufmüpfiger politischer Leidenschaft in dieser kreuzbraven Bundesrepublik galt, kann durch eine parlamentarische Operation nach Artikel 68 des Grundgesetzes nicht einfach wieder repariert werden.

Nicht dass sich die Grünen fürs Mitregieren schämen müssten. In der Bürger- und Menschenrechtspolitik hat sich ihre Handschrift gesetzgeberisch gezeigt, in der Agrarwende, bei Verbraucher- und Naturschutz. In der Verkehrs- und Energiepolitik hat sich ihr Einfluss niedergeschlagen, dank einer fiskal- und haushaltspolitischen Vernunft, die ihnen wenige zugetraut hätten, auch in der Steuerreform. Als gesellschaftliche Bewegung haben die Grünen ohnehin, die Alternativen, aber auch das Bündnis 90, auf Denken und Fühlen der Deutschen stark gewirkt. Aber der große Wurf war es nicht, weder in Sachen Ökologie oder Atomausstieg noch in Sachen Frauen und Gesundheit. Konnte es auch gar nicht sein, denn die kleine politische Mythologie, unter der Rot-Grün angetreten war - eine freche, schlagkräftige Avantgarde mit neuer politischer Agenda, die sich in die bewährte Schlachtordnung der Sozialdemokratie einfügt, um links von der Mitte große Siege zu erringen -, diese Mythologie war 1998 bereits Erinnerung, ein Ideal. An ihm musste sich die praktische Regierungspolitik messen lassen und konnte ihm schlechterdings nicht entsprechen. Das hat die Grünen aufgerieben, und Schröder ist in diese offene Flanke seines Alliierten mehr als einmal gestoßen. Denn in Kompromissen auszubluten und an seinem Durchsetzungsmangel dahinzusiechen wurde nicht zum Problem der SPD. Sie konnte unter dem Aspekt der langen Dauer immer plausibel machen, dass sie mehr und stärker war als das Rot-Grün-Projekt.

Auftritt Grün: Mehr als Stilfragen

So hat dieses Parteienbündnis eigentlich nie den magischen Augenblick einer fraglosen historischen Berechtigung erlebt, nie seinen politischen Kairos.

Rot-grüne Reformpolitik war zu keinem Zeitpunkt mit Modernisierungspolitik identisch. "Reformpolitik" hing immer etwas von abgestandenem Utopismus an, von lustloser Abarbeitung eines Unternehmens, das ans Mangel- und Enttäuschungssyndrom der Ära Helmut Schmidt erinnerte und den Appeal der Achtziger nie loswurde. Es blieb "retro", wie sehr sich seine Fürsprecher auch mühten. Unmissverständlich hatte Gerhard Schröder 1998, zu Beginn der Koalitionsgespräche mit den Grünen, bekräftigt, was er als Schwerpunkte der künftigen Regierung ansah: wirtschaftliche Stabilität, innere Sicherheit, außenpolitische Kontinuität.

Es verdankt sich vermutlich weniger dem Schröderschen Machiavellismus, wenn die emotionsgeladenen und gelegentlich enormen Themen von Rot-Grün das staatspolitische Zentrum der Bundesrepublik nicht erreichten. Ernsthaft wurden sie nur in den Vorhöfen der Entscheidungsfindung debattiert. Etwas anderes sorgte dafür, dass mit Ökologie, Pazifismus oder Atomausstieg keine Wahlen gewonnen werden kann: die letzten Jahre der Ära Kohl, diese zähe und politikunwillige, trotz Einheitskrise die Bundesrepublik konservierende und konsolidierende Zeit. Kohl spielte in der Dynamik des rot-grünen "Projektes" die Rolle des großen Entschleunigers. Während seiner Zeit musste sich der Beteiligungswillen der neuen Sozialen Bewegungen auf die lange Bank einer hoch rationalen, sämtliche messianischen Hoffnungen in schmerzhaften Kompromissbildungen zerreibenden Parteipolitik begeben. Die Bedeutung der Kohl-Jahre als Voraussetzung der jetzigen politischen Konstellation lässt sich kaum überschätzen. Auch wenn Kohls Regierung am Ende kaum noch etwas zustande brachte, war sie in einem erfolgreich. Sie zementierte das Junktim zwischen den beiden Sinnzentren der deutschen Politik seit Adenauer und Erhard: Marktwirtschaft auf der einen, außenpolitische Bündnis- und Integrationsfähigkeit auf der anderen Seite.