Für den kleinen Mann ist es die größte Lust auf Erden. Wenn er auf den kurzen Skiern geradezu in den frischen Schnee hineintaucht, seine rechte Körperhälfte in extremer Schräglage die Piste touchiert, eine, zwei, drei Sekunden lang. Bis er den linken Arm über den Kopf nach vorn reißt und ihn die Schwerkraft automatisch wieder auf beide Bretter stellt. Fünfmal wiederholt er vor seinen am Hang aufgereihten Schülern jene Übung, die er am meisten liebt: das Bodycarven unter vollem Körpereinsatz, und das mit fast siebzig Jahren.

Walter Kuchler, man kann es nicht anders sagen, ist ein bisschen verrückt.

Skiverrückt. Schon morgens um halb neun im Sportgeschäft begegnet man dem älteren Herrn, dessen Hände zärtlich über Kanten und Beläge streichen, als wären sie Geliebte. Kuchler leitet Deutschlands größten Skitest und will seinen Teilnehmern nur perfekt präparierte Skier abgeben. Fühlt er die kleinste Unebenheit, greift er in die Innentasche seines Skianzugs, holt den Diamantschleifer heraus und gibt den Kanten eigenhändig den letzten Schliff.

Seit mehr als sechzig Jahren steht er auf den Brettern, im nächsten Frühjahr feiert er sein 50. Jubiläum als Skilehrer und bald darauf seinen 70.

Geburtstag. Der Skisport hat Walter Kuchlers Leben geprägt - und umgekehrt: Er ist der wohl bedeutendste Wegbereiter des neuen Skilaufs, des Carvens, und hat jene neue Technik entscheidend mitentwickelt, die Zigmillionen Skifahrern rund um den Globus größeren Spaß am Skilauf vermittelt und Anfängern den Einstieg erleichtert.

Lange war Skifahren auch Denksport: In die Knie gehen, Tal-Ski belasten, Stockeinsatz nicht verpassen, Hüfte drehen. Kuchler ersetzte die Fron am Übungshang durch einen spielerischen Bewegungsablauf: breitbeinig und auf der Kante, gerne auch ohne Stöcke. Der Vorteil der von ihm propagierten Radialtechnik: Nicht mehr der Körper zwingt den Ski mit komplizierten Gegendrehungen in die Kurve, sagt Kuchler, der Ski fährt den Bogen nun selbst.

Fast zwanzig Jahre dauerte Kuchlers Kampf gegen engstirnige Skiverbandsfunktionäre und Lehrkommissionen. Das Ergebnis ist heute in jedem Skigeschäft zu besichtigen: Es gibt praktisch keine schmalen, langen Latten mehr zu kaufen, nur noch kürzere, häufig extrem taillierte Bretter, Carver eben. In jeder Skischule wird die neue Technik inzwischen gelehrt, mittlerweile hat sie auch Eingang gefunden in die Lehrpläne des Deutschen Skiverbands.