Vor den Terroranschlägen war Afghanistan ein weltgeschichtlicher Restposten. Abgeschrieben als Absurdistan. Seit dem 11. September ist das Kabuler Regime Tag für Tag als Monstrum aus der Steinzeit vorgeführt worden.

Nach dem Kollaps der Taliban lautet die Frage: Wie kann das geschundene Land an den Tropf "unserer Zivilisation" gehängt werden? Der Antwort darauf muss eine andere Frage vorangestellt werden: Welche Interessen und welche Umstände haben Afghanistan so weit heruntergebracht?

Vier äußere Faktoren trugen entscheidend zur Tragödie am Hindukusch bei. Der erste Akt begann 1975 mit der Flucht der jungen fundamentalistischen Putschisten Gulbuddin Hekmatya und Achmed Schah Massud. Sie fanden in Pakistan Unterschlupf und Unterstützung als potenzielle Werkzeuge gegen Afghanistans Regierungen. Der zweite, mörderische Akt folgte 1979 mit dem sowjetischen Einmarsch. Den dritten Akt bestritten CIA und der pakistanische Geheimdienst ISI, als sie Gelder und Waffen zur Bekämpfung der russischen Truppen nur an die radikalsten islamischen Parteien lieferten. Im vierten Akt fiel Afghanistan aus dem erbarmungslosen ethnischen Bürgerkrieg der Warlords in die Hände der bildungs- und gnadenlosen Glaubenskämpfer. Die Taliban hatten keine Wurzeln in Afghanistan sie hingen an den Strippen der pakistanischen Politiker, der saudiarabischen Religionsfanatiker und der Terrororganisation Osama bin Ladens. Deshalb sind sie jetzt auch so plötzlich zusammengefallen.

Bevor die Reiter des Kalten Krieges, des ethnischen Hasses, des religiösen und des terroristischen Wahns die heutige Wüste hinterließen, war Afghanistan lediglich rückständig. Es präsentierte sich zugleich als ein farbenfrohes, freundliches orientalisches Land - Tausendundeiner Nacht näher als der Steinzeit. Familie, Dorf und Clan waren die Standorte. Ethnien, Volksgruppen lagen für die Mehrheit außerhalb ihres Gesichtskreises. Die Mullahs hielten auf dem Lande alles zusammen, doch nicht an straffer Leine.

Die religiöse Toleranz war so groß wie in Bosnien vor Milosevic. Der Islam in Afghanistan, aus der moderaten Tradition des Sufismus stammend, wies Züge auf, von denen heute die Anhänger der Globalisierung träumen. Der Staat sollte sich nicht in die Stammesgeschäfte einmischen und sich so klein wie möglich machen. Die Sippe, die Gemeinde, der Basar ergriffen die Initiative.

Wer noch Anfang der siebziger Jahre aus den gleichgeschalteten mittelasiatischen Sowjetrepubliken nach Nordafghanistan kam, fühlte sich auf den prunkvollen Märkten von Herat oder Masar-i-Scharif wie an einem Quell großzügiger Lebensfreude.

Diese Vergangenheit ist für immer zerstört. Für die ethnischen Abgrenzungen und Zerstückelungen sorgten die lokalen Kriegsherren nach dem Abzug der Sowjets. Der Paschtune Hekmatyar, der Tadschike Massud, der Usbeke Raschid Dostum nutzten die Volksgruppen, um ihre Herrschaft zu legitimieren und ihre Milizen zu motivieren. Doch die Warlords, die sich Mudschahidin, Glaubenskämpfer, nannten, waren keine religiösen Puristen. Sie akzeptierten moderne Technik und auch westliche Luxusimporte.