Erfreuliche Nachrichten sind in den Tagen des globalen Abschwungs eine Seltenheit geworden. Dass gerade in Griechenland die Wirtschaft schneller wächst als in der übrigen Euro-Zone, überrascht deswegen doppelt - schließlich galt das südöstlichste Mitgliedsland lange Zeit als deren Armenhaus.

Erst zu Beginn dieses Jahres trat Griechenland als zwölftes Land der Währungsunion bei. Seitdem hat nicht mehr die nationale Notenbank die Hoheit über das griechische Zinsniveau, sondern die Europäische Zentralbank in Frankfurt. Schon im Vorfeld des Beitritts wurden die griechischen Zinsen an die europäischen angeglichen. Seit Mitte 1998 sind sie um mehr als acht Prozentpunkte zurückgegangen. Das zahlt sich jetzt aus. "Die Kreditnachfrage ist in den vergangenen Monaten regelrecht explodiert", sagt Paul Mylonas, Chefvolkswirt bei der National Bank of Greece, der größten Geschäftsbank des Landes. Viele Griechen verwirklichen derzeit mit den günstigen Krediten ihren Traum vom Eigenheim - und das freut die Bauindustrie.

Die Branche profitiert ohnehin schon von zahlreichen öffentlichen Investitionen im Vorfeld der Olympischen Spiele 2004 in Athen. Bereits im März dieses Jahres wurde beispielsweise der neue Flughafen Eleftherios Venizelos in Athen eröffnet. Auch in den nächsten Jahren dürfte der Bauboom weitergehen: Bis zum Jahre 2006 will die sozialistische Regierung von Ministerpräsident Kostas Simitis im Rahmen des "Dritten Gemeinschaftlichen Förderungskonzeptes" 51,6 Milliarden Euro investieren. Fast die Hälfte der Mittel stammt aus EU-Töpfen. Den Rest steuern die griechische Regierung und private Unternehmen bei, überwiegend Banken. Das Geld soll unter anderem in den Straßenbau und die Verbesserung des Athener Metronetzes fließen.

Darüber hinaus nützt Hellas die wirtschaftliche Erholung auf dem Balkan: Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien und die Länder der ehemaligen Sowjetunion - all diese Märkte existierten in der Vergangenheit faktisch nicht. Paul Mylonas schätzt, dass die Wirtschaft in der Balkanregion nach dem Ende der Rezession in Rumänien in diesem Jahr um etwa fünf Prozent wachsen wird. Damit dürfte der Export griechischer Produkte in die Region weiter steigen: Nahrungsmittel, Mineralölerzeugnisse, Fernseh- und Radiogeräte, Computer - der Bedarf ist groß in den nördlichen Balkanländern. Gleichzeitig nimmt die Zahl der griechischen Unternehmen - insbesondere Banken und Telekommunikationsanbieter - zu, die die ehemals verschlossenen Märkte Südosteuropas unter sich aufteilen wollen.

Angesichts der gestiegenen Nachfrage im In- und Ausland ist das griechische Bruttoinlandsprodukt im ersten Halbjahr dieses Jahres gegenüber dem des Vorjahres um 5,5 Prozent gestiegen. Die Regierung in Athen hat ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr zwar auch schon auf 4,6 Prozent revidiert, doch selbst damit läge man immer noch über den Erwartungen im übrigen Euroland.

Am südöstlichen Rand Europas gelegen, grenzt Griechenland an kein einziges Mitgliedsland der Europäischen Union. Diese geografische Isolation prägte lange Zeit die wirtschaftliche Lage - Hellas blieb außen vor. Erst mit dem Beitritt zur Europäischen Union 1981 öffneten sich allmählich die Tore zum Westen. Damals war das Land im internationalen Umfeld allerdings noch nicht konkurrenzfähig: Die heimische Industrie wurde durch hohe Zölle und Subventionen geschützt, viele Unternehmen gehörten dem Staat. Das Ergebnis: Misswirtschaft und Ineffizienz. Eine zweistellige Inflation gehörte ebenso zum Alltag wie ein viel zu hohes Haushaltsdefizit.

Erst Mitte der neunziger Jahre begann sich die Wirtschaft zu stabilisieren.