Im März 1985 besuchten die Dramatiker Harold Pinter und Arthur Miller im Auftrag des Internationalen PEN die Türkei. Es gab einen Empfang in der amerikanischen Botschaft in Ankara, und Pinter fragte den Botschafter, wie er zu den Folterpraktiken in seinem Gastland stehe, etwa dem Anbringen von Elektroden an den Geschlechtsorganen der Verhörten. Der Botschafter war empört über die rohe Sprache des Engländers ("Mein Herr, Sie sind zu Gast in meinem Haus!"), als roh empfand er aber nicht das Reden über die Folter, sondern das Wort "Geschlechtsteile". Der Dramatiker Pinter hat viele solcher Begegnungen mit der Macht hinter sich

er ist darüber zu einem immer wütenderen Mann mit einem immer feineren Gehör geworden. Am vergangenen Sonntag nahm der 71-Jährige im Berliner Ensemble die Hermann-Kesten-Medaille entgegen. Sie wird vom PEN und von dem Land Hessen an Personen verliehen, die sich für verfolgte und inhaftierte Schriftsteller und Journalisten einsetzen.

In seiner Berliner Rede nannte Pinter die USA ein "extrem gefährliches und mächtiges Tier", welchem sich im "feigen Europa" nur "besonders tapfere Politiker" entgegensetzten. Die amerikanischen Militärgerichte seien befugt, ohne Verfahren Urteile zu fällen, darin erkenne er eher diktatorische als demokratische Verfahrensweisen. Die europäischen Regierungen, so Pinter weiter, ließen sich von den USA erpressen und bestechen. Pinter, der seine Wut am liebsten an der größten aller irdischen Mächte, an den USA, erprobt, findet auch das Tribunal der Vereinten Nationen gegen Slobodan Milosevic in Den Haag nicht gut und nennt es ein "Nato-Siegergericht". Gegen dieses Verdikt hat bereits die Gesellschaft für bedrohte Völker protestiert: Für ehemalige Häftlinge serbischer Konzentrationslager seien solche Worte "ein Schlag ins Gesicht". Der furchtlose Ohrfeiger Pinter indessen fordert einen unabhängigen Gerichtshof, vor dem dann die Schurken dieser Welt sich zu verantworten hätten: "Bin Laden, Milosevic und auch Henry Kissinger."